Lied über die Erinnerung und die Nachwirkungen der Vertreibung (1985)

Kurzbeschreibung

Heinz Rudolf Kunze (geb. 1956) ist ein populärer Liedermacher, der ein Kind von Vertriebenen war, wie so viele andere Deutsche. In seinem Lied „Vertriebener“ problematisiert er die Definition von Vertriebenen, reflektiert die generationsbedingten Auswirkungen von Traumata und fragt, was es bedeutet, ein Deutscher ohne eine Heimat zu sein. Das Foto unter dem Liedtext zeigt Kunze und seine Band bei einem Auftritt im Jahr 1988. Ein Link zu einer 2019 Live-Aufführung des Liedes ist unter „Weiterführende Inhalte“ zu finden (unten).

Quelle

Vertriebener

Ich bin nicht aus Bochum und nicht aus Berlin,
nicht aus Frankfurt und erst recht nicht aus Köln.
Ich bin nicht aus Hamburg (wie viele Leute glauben),
nicht aus München und auch nicht aus Mölln.

Ich wurde geboren in einer Baracke
im Flüchtlingslager Espelkamp.
Ich wurde gezeugt an der Oder-Neiße-Grenze,
ich hab nie kapiert, woher ich stamm.

Ich bin auch ein Vertriebener.
Ich will keine Revanche, nur Glück.
Ich bin auch ein Vertriebener.
Fester Wohnsitz Osnabrück.

Meine Mutter war so treu, daß mir schwindlig wird.
Mein Vater war bei der SS.
Ich heiß Heinz wie mein Onkel, der in Frankreich fiel,
und Rudolf wie Rudolf Heß.

Alle gießen ihre Wurzeln, alle reden Dialekt.
Niemals Zeit gehabt, einen zu lernen.
Ich war immer unterwegs, ohne Grund und ohne Boden,
mein Geschäft ist Überleben und Entfernen.

Ich bin auch ein Vertriebener.
Schlesien war nie mein.
Ich bin auch ein Vertriebener.
Ich werd überall begraben sein.

Ich hab in Lengerich gewohnt, in Hannover und Bad Grund.
Immer das Gefühl, daß man stört.
Ich bin auch ein Vertriebener, nirgendwo Gebliebener.
Zuhause ist, wo man mich hört.

Quelle: Heinz Rudolf Kunze, „Vertriebener“ (1985)

Heinz Rudolf Kunze mit seiner Band (1988)

Quelle: Heinz Rudolf Kunze mit seiner Band, Deutschland 1988.

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Klaus J. Bade, Neue Heimat im Westen: Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler. Münster : Westfälischer Heimatbund, 1990.

Mathias Beer, Martin Kintzinger und Marita Krauss, Hrsg., Migration und Integration: Aufnahme und Eingliederung im historischen Wandel. Stuttgart: Steiner, 1997.

Andreas Kossert, Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. München: Siedler, 2009.

Heinz Rudolf Kunze, „Vertriebener“, https://www.youtube.com/watch?v=pFm6fJM-dBM (letzter Zugriff: 23. Oktober 2020).

Lied über die Erinnerung und die Nachwirkungen der Vertreibung (1985), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/deutschsein/ghis:document-250> [03.12.2022].