Yoko Tawada, Ist Europa westlich? (2006)

Kurzbeschreibung

Tawada (geb. 1960 in Tokio) studierte russische Literatur in Japan, bevor sie 1982 nach Deutschland übersiedelte und in Hamburg Germanistik studierte. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher in deutscher und japanischer Sprache. 1993 wurde ihr der renommierte Akutawaga-Preis in Japan verliehen, 1996 der Adelbert-von-Chamisso-Preis, 2005 die Goethe-Medaille.

Quelle

Tradition und Moderne: das sind die beiden Lieblingswörter des Moderators, der in einem Kasten wohnt, der „Fernseher“ genannt wird.

Ich habe mehrere Kästen in meiner Wohnung. Einer heißt Kühlschrank. Er brummt Tag und Nacht, sagt sonst nichts. Ein anderer Kasten heißt Waschmaschine, und dreht oft durch. Aber die Sprache, die aus dem Fernseher kommt, ist viel ver­rückter.

Eine der größten japanischen Firmen, die Fernseher und andere elektrische Geräte herstellen, trägt den Namen „National“. Ein seltsamer Name für eine Firma? Viel­leicht ist der Name gerade richtig, weil er bei der Gründung um 1920 das aufkommende Nationalgefühl verkörperte und nach dem Zweiten Weltkrieg den Stolz auf die Industrieproduktion ausdrückte, der den zerschmetterten Stolz auf die Nation ersetzte.

Das Ende des Krieges führte nicht zur Auflösung der nationalen Identität. Im Namen der Nation wurde man gezwungen, nach Wiederaufbau und anschließend nach Wohlstand zu streben. Später bekam die Nation auch eine andere Bedeutung, nämlich als eine Gemeinschaft, die für die Geschichte verantwortlich ist. Weil das Verbrechen, der Krieg, im Namen der Nation geführt wurde, musste die Nation nach dem Krieg als Träger der Verantwortung weiterexistieren, auch wenn man sich sonst am liebsten ganz und gar von der Vorstellung der Nation befreit hätte.

Ich habe meinen Fernsehapparat in Deutschland gekauft. Die Firma, die ihn her­stellte, heißt „Grundig“, nicht „abgründig“. In Deutschland gibt es keine Firma, die „National“ heißt. Der Name würde bei den Kunden keinen guten Eindruck machen.

Auch das Wort „deutsch“ wird genau wie das Wort „Nation“ vorsichtig behandelt oder vermieden. Aber es gibt zwei Themen, bei denen der nationale Stolz erlaubt ist, und sie bilden die Lebensbereiche, in denen viele Männer ihre Leidenschaft ausle­ben: das Auto und der Fußball.

Selbst ein selbstkritischer, deutscher Intellektueller, der nichts anderes macht als sein eigenes Land zu kritisieren, wäre beleidigt, wenn man ihm sagen würde, die deutschen Autos seien sehr schlecht. Es ist noch einfacher, Japaner zu beleidigen. Nicht nur auf das japanische Auto, sondern auch auf den Walkman oder manchmal auf die japanische Waschmaschine sind sie stolz. Sogar ich, die überhaupt nicht nationalistisch orientiert sein möchte und keine Ahnung vom Haushalt habe, bin beleidigt, wenn jemand japanische Waschmaschinen kritisiert. Ich finde zwar die Waschmaschine von der deutschen Firma Bosch besser, weil diese Firma eine Stiftung hat, die unter anderem auch die zeitgenössische Literatur unterstützt, aber keine Waschmaschine kann den Fett­fleck des unerklärlichen Gefühls beseitigen, das mit der Vorstellung der Nation zusammenhängt.

In Deutschland ist man auf die deutschen Autos stolz, aber die Mehrheit der Deutschen können sich nicht ein Auto von BMW oder Mercedes leisten. Dagegen kann jeder eine kleine nationale Flagge besitzen. Man kann sogar eine in einem Neunundneunzig-Cent-Laden kaufen. Es gibt arbeitslose Jugendliche, die die alte Form des Nationalismus mit eindeutigeren Symbolen gerechter finden als den Stolz der Oberschicht auf den Luxus, der ein deutsches Markenzeichen trägt, aber nicht für jeden erschwinglich ist. Sie spüren, dass sie von dem Wohlstand, der auf der nationalen Ebene organisiert und erreicht wurde, ausgeschlossen sind.

Vor einigen Jahren wurde ein neues Gesetz in Japan verabschiedet, nach dem man bei jeder Zeremonie in Schulen und Universitäten die nationale Flagge his­sen muss. Es wurde auch genau vorgegeben, wie groß die Flagge sein soll. Sonst würden einige Leute auf die Idee kommen, eine Flagge zu hissen, die kleiner ist als eine Briefmarke. Es wurde auch genau bestimmt, dass die Flagge in der Mitte der Bühne sichtbar positioniert sein muss. Man muss bei der Zeremonie die National­hymne singen, und zwar in der Originalversion. Es ist schon vorgekommen, dass ein Musiklehrer die Hymne in ein Stück Jazz verwandelte und sie als solches gesun­gen hat. Dieses Gesetz löste einen „Ikkyusan“-Wettbewerb aus. (Ikkyusan ist ein japanischer Till Eulenspiegel.) Die Hochschule für Fremdsprachen in Tokyo zum Beispiel hat zwar die Nationalflagge gehisst, wie es vorgegeben war, aber dazu hun­dertzehn andere Nationalflaggen von anderen Ländern. Es ging aber nur einmal gut: das neue „verbesserte“ Gesetz schreibt vor, dass man keine zusätzliche Flagge hissen darf.

Die alte Form des Nationalismus wie die Nationalflagge kehrte in den letzten Jahren wahrscheinlich deshalb zurück, weil der Ersatznationalismus mit Industrie­produkten nicht mehr funktioniert. Menschen sind nicht mehr stolz auf die Fir­men, die gerne mit ausländischen Firmen fusionieren und dabei ihren Angestellten einfach kündigen. Außerdem gehören die meisten Konzerne nicht mehr zu einer Nation.

In der letzten Zeit hört man noch öfter als zuvor das Wort „europäisch“. Wenn ich das Radio anschalte, höre ich das Wort alle zehn Minuten. Es gibt den europä­ischen Denkmalschutz, den europäischen Popmusik-Wettbewerb, europäische Romane.

Die beiden Adjektive „europäisch“ und „westlich“ sind im Unterschied zu „deutsch“ grundsätzlich positiv belegt. Man braucht das Wort „deutsch“ nicht mehr. Selbst die Rechtsradikalen brauchen es nicht immer. Sie sprechen von den „Weißen“, was unpassend ist, weil sie oft die deutschstämmigen Migranten aus Russland angreifen, aber nie von den afroamerikanischen Popstars schlecht reden. Sie möchten gerne Rassisten sein, aber in Wirklichkeit üben sie Gewalt gegen die Menschen, denen sie Armut unterstellen.

Als Japaner möchte man nicht von der „asiatischen“ Einheit sprechen. Es klingt nach japanischem Imperialismus. Asien ist nicht eins, und es ist gut so. Es gibt weder eine gemeinsame Religion noch ein gemeinsames politisches System, nicht einmal eine gemeinsame Sorte Reis. Thailänder wären sehr traurig, wenn sie den japanischen Reis essen müssten und umgekehrt. Der Begriff „Asien“ ist ein Kind des Kolonialismus, das in Europa geboren wurde und von den Japanern adoptiert, missbraucht und nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt wurde.

In Europa spricht man gerne von der asiatischen Küche, von der asiatischen Medizin oder von der asiatischen Philosophie, weil man gerne möchte, dass es so etwas wie eine einheitliche asiatische Kultur gibt. Sonst wird es unsicher, ob es eine europäische Kultur gibt. In Asien ist man aber aus ganz unterschiedlichen Gründen froh darüber, dass es keine asiatische Kultur gibt.

Ich kann auch nicht von einer „östlichen Welt“ sprechen. Die Vorstellung vom „Osten“ ist sehr westeuropäisch. Mit diesem Wort meinte man zuerst den Nahen Osten, dann auch China und Japan, manchmal Russland, nicht selten auch noch die mitteleuropäischen Länder oder die ehemalige DDR. Die Vorstellung vom „Osten“ war immer nötig gewesen, um das Bild vom „Westen“ konkret erscheinen zu lassen. Das weiß man dank der Forschung über den Orientalismus schon längst. Und jemandem, der davon ausgeht, dass der Orient eine Fiktion ist, muss der fik­tionale Charakter von Europa eigentlich bewusst sein.

Neulich gab es eine Radiosendung über den Islam in Deutschland, in der die Moderatorin sagte, die Politik des islamischen Fundamentalismus sei nicht als eine andere Kultur anzuerkennen, weil die Fundamentalisten ihre Ideologie und die Strategie aus Europa importiert hätten, und zwar von Stalin oder Hitler. Später sprach die Moderatorin aber von der „westlichen“ politischen Tradition der Demo­kratie, als wäre der Totalitarismus nicht ein Teil dieser Tradition gewesen. Zwi­schendurch sagte sie, der Westen verhalte sich natürlich nicht immer westlich, aber sie thematisierte das Wort „westlich“ nicht, und sie verzichtete auch nicht auf das Wort. Im Gegenteil. Das Wort bildete einen scheinbar sicheren Boden für ihre Argumentationen. Eine andere Bezeichnung wie zum Beispiel „europäisch-ameri­kanisch“ verwendete sie nicht, wahrscheinlich, weil sie Südamerika ausschließen wollte. Außerdem kann man sich mit dem Begriff „westlich“ weiter die Möglich­keit vorbehalten, osteuropäische Länder, besonders Russland, auszuschließen.

Ich frage mich oft, warum meine Zunge das Wort „westlich“ und „östlich“ ungern ausspricht. Gegen das Wort „europäisch“ habe ich nichts, obwohl ich es auch selten benutze, weil es in manchen Fällen nichts besagt. Gibt es ein europäi­sches Essen? Spaghetti? Haben aber die Europäer, zum Beispiel die Norweger mehr zu der Tradition der italienischen Pasta-Kultur beigetragen als die Chinesen? Ich sage „europäische“ Literatur, wenn ich zu faul bin, die einzelnen Sprachen aufzu­zählen. Auch das Wort „deutsch“ entspricht in manchen Fällen nicht der Wirklich­keit. Kann man heute noch von der deutschen Literatur sprechen? Und was wäre mit der deutschen Esskultur? Kamen nicht die Kartoffeln aus Südamerika? Den­noch gefallen mir die Wörter „deutsch“ und „europäisch“ besser als „westlich“, weil sie mich zwingen, konkreter zu denken. Die Bezeichnung „westlich“ dagegen ent­hält ein heimtückisches Konzept. Es will etwas Ideologisches in einer geographi­schen Verpackung verkaufen: Wer für die Demokratie, die Freiheit und den Indi­vidualismus sei, sei westlich orientiert. Und wenn diese Person aus dem geographi­schen Westen stamme, stehe er in der eigenen Tradition. Wenn nicht, habe die Person ihre eigene Tradition verlassen. So sei sie zwar modern, aber nicht mehr sie selbst.

Man stellt sich gerne die Tradition der „westlichen“ Kultur als eine einzige Ent­wicklungslinie vor. Aber diese Linie ist eine Fiktion, die mühsam gestaltet worden ist. Zum Beispiel betrachtet man gerne die altgriechische Kultur als einen wichti­gen Bestandteil dieser Linie, dafür schließt man gerne den Einfluss der arabischen Mathematik und Naturwissenschaften aus. Aber ich habe noch nie eine Spur von der altgriechischen Kultur in Hamburg gesehen. Dagegen kann man in einem Tempel in der japanischen Stadt Nara, der Endstation der Seidenstraße, ein Orna­ment von Trauben sehen, das aus Griechenland überliefert wurde. Die Früchte aus Stein sind immer noch nicht verfault, obwohl sie über tausend Jahre alt sind und davor über tausend Jahre unterwegs gewesen waren. Die Kulturen auf dieser Erde bestanden schon immer aus einem Netz und nicht aus mehreren parallel laufenden Linien.

Ich kann nicht mehr die Ausdrücke wie „unsere Kultur“ benutzen, weil ich nicht weiß, wer zu diesem „uns“ gehören soll und wer nicht. Ich würde zum Beispiel nicht auf die Idee kommen, das No- oder Butoh-Theater als „unsere“ Kultur zu bezeichnen. Und wenn ich das Wort doch benutzen würde, meine ich damit nicht die Japaner, sondern die Menschen, die sich mit diesem Theater beschäftigen.

Der Moderator im Fernseher spielt heute schon wieder dasselbe Szenario, egal welche „fremde“ Kultur er uns zeigt. Wenn ein Mädchen in einem für den Mode­rator fremden Land mit der Familie zusammenlebt, zu der Mutter lieb ist und keinen Freund hat, heißt es, sie lebe in der Tradition. Wenn sie sich verliebt, mit ihren Eltern deshalb streitet und das Haus verlässt, heißt es, sie ist durch die west­liche Moderne beeinflusst worden und hat sich entschieden, ihr eigenes Leben zu fuhren.

Als die Amerikaner Ende des 19. Jahrhunderts nach Japan kamen, wurden neue Gesetze in Japan verabschiedet, um das Land zu modernisieren. Unter anderem wurden dann das gemischte öffentliche Bad, die Nacktheit in der Öffentlichkeit und die Homosexualität zum ersten Mal in der japanischen Geschichte verboten. Die Modernisierung hatte nichts mit der Freiheit oder mit dem Individualismus zu tun, sondern eher mit dem puritanisch orientierten Industrialisierungsversuch und der Militarisierung des Landes. Als die Japaner danach Preußen als Vorbild aus­wählten, um das Land weiter zu modernisieren, entstand die typisch japanische Mentalität, die so typisch japanisch war, dass man sie aus Preußen importieren musste. Oder man kann auch sagen: einige Charakteristiken, die in der japanischen Kultur schon existierten, wie zum Beispiel die Ethik der Samurai, die kollektive Arbeitsweise der Reisbauer, der Autoritätsglauben oder das hierarchische Denken wurden als taugliche Bauelemente für die Moderne ausgewählt und preußisch ver­arbeitet.

Der Moderator schrie aus dem Fernsehkasten, Lateinamerika sei widersprüch­lich, Ostasien sei widersprüchlich, Saudi-Arabien sei widersprüchlich, weil dort die Moderne und die Tradition zusammen nebeneinander existierten. Aber es ist eher normal, dass ein Land industrialisiert wurde, ohne die vorindustrielle Kultur voll­kommen vernichtet zu haben. Selbst in England, in dem die Industrialisierung schon sehr früh begann, sind nicht alle Gespenster, Gruselgeschichten und die Magie verschwunden. Aber der Moderator sagt nie, dass England ein widersprüch­liches Land sei, weil die Moderne an und für sich westlich ist.

Vielleicht litt Europa am stärksten unter der Industrialisierung oder schon unter der Aufklärung. Und um die eigenen Schmerzen zu lindern, setzte man das westliche mit der Moderne gleich.

Es ist vielleicht gut, dass die Deutschen das Wort „westlich“ benutzen. Dadurch müssen sie sich nicht unnötig über den Einfluss der USA ärgern. Sonst müsste der Moderator von der eigenen Kultur auch genau so berichten wie er neulich über ein Land aus der sogenannten Dritten Welt berichtete: „Wie traurig, dass das schöne, deutsche, traditionelle Universitätssystem langsam verloren geht. Die Deutschen müssen aus finanziellen Gründen zu dem modernen amerikanischen System über­wechseln. Es ist zwar traurig, aber die individuelle Freiheit auf dem freien Markt ist für sie doch wichtiger als die eigene Tradition. Ähnlich ist es mit der Veränderung der Bestimmung über die Ladenschlusszeiten. Es ist besser, wenn jeder zu jeder Zeit alles kaufen kann. Solche Freiheit gab es in Deutschland bis vor kurzem nicht, weil ihre Religion ihnen das verbot. Gott habe am siebten Tag nicht gearbeitet, steht in der Bibel, also sollen die Menschen auch nicht arbeiten. Aber langsam befreien sie sich von der traditionellen Vorstellung vom Sonntag und genießen ein freies Leben als Konsumenten ohne schlechtes Gewissen. Einige Bürger werden jedoch weiter unter der Kluft zwischen Tradition und Moderne leiden.“ Das ist das einzige Szenario des Moderators, das er immer benutzt, wenn er von einer nicht­westlichen Kultur berichtet.

Es gibt verschiedene Formen der Moderne. Es gibt unterschiedliche Formen von Fernsehgeräten. Man könnte von der japanischen Technologie sprechen, die sich von der chinesischen oder der amerikanischen unterscheidet. Zum Beispiel könnte man in der japanischen Technologie ein Prinzip erkennen, das lautet: je kleiner eine Maschine ist, desto schöner ist sie. So wurden Transistorradio, Walkman und andere kleine Geräte in Japan erfunden und produziert. Aber die japanische Technologie ist genauso leicht zu adaptieren wie die europäische. Jetzt sind die kleinsten Autos der Welt nicht japanisch, sondern europäisch. Außerdem ist der größte Computer der Welt japanisch, und die japanischen Techniker schämen sich nicht dafür. Es scheint also keinen Sinn zu haben, von einer nationalen Technologie zu sprechen.

Man könnte auch von der japanischen Form der Demokratie oder der Freiheit sprechen, wenn man sie nicht als einen Bauplan, sondern als konkrete Häuser betrachtet, die aus Holz, Stroh oder Steinen, die man am Ort findet, gebaut werden müssen. Aber über die Differenzen zu sprechen bedeutet nicht, auf die Existenz des nationalen Charakters zu insistieren.

Genauso geht es mit dem Theater. Das moderne japanische Theater ist nicht nur japanisch. Es ist auch nicht so, dass nur Theatergruppen aus Japan japanisch sind. Nichtjapanische Spieler haben eine genauso große Möglichkeit, mit der japani­schen Tradition zu arbeiten. Die nationalen Grenzen sind nur die Ränder der Linse eines Mikroskops, das man benutzt, wenn man bestimmte Phänomene genauer beobachten will.

Um sich von der Vorstellung der nationalen Kultur zu befreien, könnte man die regionalen betonen. „Wir wollen keine deutsche Literatur mehr, sondern nur die bay­rische Literatur.“ Die meisten würden diese Äußerung nicht kreativ oder interessant finden. Aber warum finden dieselben Menschen es sofort anziehend, wenn sie hören, dass eine „traditionelle“ Theatergruppe von einer sogenannten Minderheit aus der sogenannten Dritten Welt spielt? Man erlaubt sich, von einer „wahren“ Tradition einer Kultur zu sprechen, wenn man diese Kultur von der Moderne ausgeschlossen hat.

In der heutigen Welt hat aber jede Kultur ihre eigene Moderne. Es gibt kei­ne Kultur, die vollkommen isoliert steht. Jede Kultur reagiert - direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst - auf die Phänomene, die außerhalb von ihr stattfinden.

Merkwürdigerweise begegnete ich in den USA eher dem Regionalismus als dem Globalismus. Ich meine damit nicht etwa die Minderheiten wie Amish-People, die „authentisch“ europäisch geblieben sind, sondern ganz normale Studenten an den Universitäten in der Provinz. Sie leben außerhalb der Globalisierung, während wir oft den Amerikanern die Schuld für die Zerstörung der Vielfalt der Kulturen geben. Als ich in Missoula einen Studenten der Universität Montana fragte, ob es ein Star­bucks-Cafe in der Stadt gebe, antwortete er stolz „Nein!“ Scheinbar ist Amerika noch nicht überall amerikanisiert worden. In Tokio gibt es 141 Starbucks-Cafes, in Kalifornien 1414, in Berlin 8 und in Missoula keins. Dieser Student ist in Montana geboren, studiert dort und möchte nach dem Studium dort arbeiten. Er war schon einmal in einer kleinen Stadt in Japan, aber zum Beispiel noch nie in New York. Er lebt nicht in den USA, sondern in Montana. Die Konflikte zwischen der Kultur der Großstadt und der der Provinz beschäftigen ihn. Die Menschen aus der Großstadt verachten die Provinz wie Montana, aber er möchte seiner Tradition treu bleiben.

Ich musste schmunzeln, als er von der Tradition in Montana sprach, aber eigent­lich ist es nicht komisch, was er sagte. Die Tradition ist immer eine Fiktion. Man macht sie nachträglich. Wenn man sie nicht macht, ist sie nicht da. Die japanische Tradition ist nicht weniger fiktiv als die Tradition in Montana. Als die japanische Regierung Ende des 19. Jahrhunderts das Land öffnete, aktivierte man schnell die uralten shintoistischen Zeremonien, die man seit über dreihundert Jahren nicht mehr praktiziert hatte. Man brauchte die kulturelle Tradition, um die nationale Identität zu bilden. Diese war nicht nötig, solange das Land keinen direkten Kon­takt mit der Außenwelt hatte.

Weil die Tradition fiktiv ist, gibt es keinen Grund, sich einer Tradition genetisch zugehörig zu fühlen. Jeder darf mit jeder fiktiven Tradition arbeiten. Jeder Künstler darf mit allen Elementen arbeiten, die auf dieser Erde zu finden sind. Ob man daraus etwas Neues, Spannendes schaffen kann, liegt an der Leistung des einzelnen Künstlers und nicht an seiner Herkunft.

Quelle: Trajekte, April 2006, S. 34-38. Wiederabdruck in: Transit Deutschland. Debatten zu Nation und Migration. Hrsg. Deniz Göktürk, David Gramling, Anton Kaes. München: Konstanz University Press, 2011, S. 726-732.

Yoko Tawada, Ist Europa westlich? (2006), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-123> [29.11.2021].