„Unsere Redaktion bei der Arbeit (Reportage)“, Landsberger Lager-Cajtung (18. Januar 1946)

Kurzbeschreibung

Von 1945 bis 1952 lebten rund 250.000 jüdische Displaced Persons (DPs) in Lagern, die von den Vereinten Nationen und den alliierten Behörden verwaltet wurden.Das DP-Lager Landsberg wurde auf dem ehemaligen deutschen Militärgelände bei München in der amerikanischen Besatzungszone errichtet. Wie andere Lager bot auch Landsberg den Bewohnern Möglichkeiten zur kulturellen und intellektuellen Bereicherung, es gab politische, religiöse und soziale Organisationen und das Lager verfügte über eine eigene Zeitung. Die Landsberger Lager-Cajtung wurde von dem Litauer Rudolf Valsonok gegründet. Der fehlende Zugang zu einem hebräischen Schriftsatz führte dazu, dass Valsonok und seine Mitarbeiter für diese jiddischsprachige Zeitung römische Schrift verwenden mussten. Die Zeitung enthielt eine Reihe von Themen und Artikeln, z.B. politische Kommentare, Berichte aus der ausländischen Presse und Aufrufe zur Information über vermisste Freunde und Verwandte.

Unter dem Titel „Unser Redaktionsteam bei der Arbeit (Reportage)“ stellt dieser Artikel aus der Lager-Cajtung aus dem Jahr 1946 den Lesern die verschiedenen Mitarbeiter/innen der Zeitung vor. Der Artikel besteht aus einer Reihe von Vignetten, die nicht nur die Arbeit, sondern auch die Vorlieben, Gewohnheiten und den persönlichen Hintergrund der verschiedenen Mitarbeiter/innen beschreiben. Der Artikel ist in einem fröhlichen, umgangssprachlichen Stil geschrieben und von schrägem Humor durchdrungen. Die Hinweise des Verfassers auf die Berichterstattung in der hebräisch- und jiddischsprachigen internationalen Presse (und in der ausländischen Presse im Allgemeinen) machen deutlich, dass die an der Zeitung beteiligten Journalisten daran interessiert waren, weltweit über Neuigkeiten zu berichten.

Quelle

Unsere Redaktion bei der Arbeit
Reportage von H. Boruchowicz

Nun ist die Reihe auch an uns, unser Metier, mit dem ich tagtäglich konfrontiert werde, unter die Lupe zu nehmen. Jeder Mensch hat seine Schwächen, jede lebendige Person verfügt über eine Eigenart, über die man sich lustig machen kann, über die man lachen kann. Würden wir jenem eine nervöse und unruhige Natur zuschreiben, diesem eine Kälte in den Gliedern, einem anderen wiederum eine Empfindlichkeit[1]...... Der einzige Unterschied meiner bisherigen Reportagen zu der heutigen wird bloß sein, dass die bisherigen über Fotoaufnahmen berichteten und die heutige Reportage hingegen lediglich mit Bildern verschönert und geschmückt sein wird, ganz so wie auf amerikanische Art. Wenn Sie über den einen oder anderen unserer „abgebildeten“ Mitarbeiter lesen werden, werden Sie gewiss sein Porträt sehen, sein kleines Gesicht, seine schiefe oder glatte Miene, sein süßes oder bitteres Lächeln, mit welchem er vor dem Fotografen posiert hat.

Und noch etwas werden Sie erfahren: In der heutigen Reportage werde ich in Wort und Bild berichten, wie eine Ausgabe unserer aller geachteten Zeitung geboren wird, wie viele Reinkarnationen sie durchlebt bis sie in die Hände der Leser gelangt; wie viele Menschen – und welche Menschen – an ihr arbeiten, bis sie das Licht der Welt erblickt. So manch einer von Ihnen, werte Leser und Leserinnen, glaubt sogar, wir hätten eine Maschine, in die man von der einen Seite das Papier hineinlegt und auf der anderen Seite eine fertige Zeitung heraus kommt. Leider muss ich Ihnen heute berichten, dass es bei Weitem nicht so ist. Eineinhalb Dutzend Menschen zermartern sich den Kopf bis man eine neue Ausgabe der Zeitung zu Gesicht bekommt. Nicht selten kommt es vor, dass die Wehen der Zeitungsgeburt genau so lange auf sich warten lassen, wie die Wehen vor der Geburt eines Kindes... Am Ende wird Kiryat Yam[2] Wirklichkeit...

Dieser Mensch ist Ihnen sicherlich gut bekannt. Sie kennen ihn aus der Komitee-Verwaltung, Sie kennen ihn aus dem Gerichtssaal, Sie kennen ihn aus der Redaktion. Eine der schwersten Dinge ist es, ihn ausfindig zu machen, diesen Präsidenten-Richter-Autor. So sehen Sie ihn am Schreibtisch sitzen. Fragt sich nur, wo sich dieser Schreibtisch befindet? Im C.K. in München? Im Feldafinger Komitee? In Frankfurt bei General Smith? Im neuen jiddischen Zentrum in Leipheim? Oder gar in der Redaktion der „Landsberger Lager-Cajtung“? Ja, grundsätzlich ist er da, nur werden Sie ihn in Wahrheit nicht finden können. Nicht nur, dass Sie ihn nicht finden werden, sogar unser Redakteur Hermanowiecz kann ihn ebenfalls nicht finden. „Hallo, Komitee?“, telefoniert der Redakteur, „Könnte ich bitte Dr. Grinhojz oder Dr. Gringauz sprechen?“ – „Ha, Ha“, antwortet man ihm. „Dr. Gringauz suchen Sie? Wir suchen ihn bereits seit zwei Monaten in ganz Bayern und können ihn nicht ausfindig machen!“ … „Hallo, C.K. München?“, lässt der Redakteur sich nicht unterkriegen, „Können Sie uns sagen, wo sich unser verlorengegangener Präsident aufhält?“ – „Ja, sehr gerne“, kommt da die Antwort, „Er ist nur kurz Richtung Feldafing, um dort einen Vortrag zu halten. Und sollten Sie ihn dort nicht antreffen, entschuldigen Sie bitte den Umstand, rufen Sie dann in Leipheim oder Frankfurt an; eventuell auch St. Ottilien – oder bei allen Orten gleichzeitig – und Sie werden ihn bestimmt erwischen.“

Sicher wollen Sie wissen, wo wir ihn geschnappt haben? Die Geschichte ist folgende: Wir schickten unsere zwei Autos der Redaktion hinaus und zusätzlich 17 weitere Autos und sandten sie über alle Straßen und Wege aus. Und mit Hilfe eines M.P. Officers hielten wir jedes Taxi an, bis wir ihn geschnappt hatten, brachten ihn in die Redaktion, setzten ihn an einen Schreibtisch und der bereits seit drei Tagen und drei Nächten herumirrende Fotograf machte dieses picture von ihm.

[Bild 1: Dr. Sh. Gringauz an „seinem“ Schreibtisch. Er ist tief in Gedanken versunken. In erster Linie denkt er darüber nach, wo man einen Artikel für die kommende Ausgabe der Zeitung hernimmt; und darüber, woher man eine viertel Millionen Zertifikate für die Juden in Deutschland hernehmen soll?]

Ein guter Mann ist er, dieser Präsident der Landsberger jüdischen Institution und Kuratoriumsmitglied unserer Zeitung. Mit dem selben Ernst und Fleiß schreibt er für Sie ebenso ein schwerwiegendes kilometerlanges Traktat wie eine lokale Chroniknotiz. Ungeachtet dessen, womit er gerade schwer beschäftigt ist, legt er sich mit der Zeitung schlafen und steht morgens mit der Zeitung auf. Nicht selten trifft man ihn in guter Laune an – dann können Sie mit ihm alles machen, was Sie wollen...

Redakteur Jojsef Gar ist der einzige, den wir nicht haben „abbilden“ lassen. (Sein Bild werden Sie auf einer anderen Seite wiederfinden.) Sie kennen ihn kaum. Aber ein Großteil der Zeitung wird von ihm redigiert. Seine Lieblingsthemen sind u.a. Literatur (Prosa und Poesie) und Jiddische Sprache. Zudem schreibt er auch über alles, was Sie wollen: über das Ghetto Kowno, den Nürnberger Prozess, über Sholem Aschs neuen „berühmten“ Roman „Landsberger Lager-Cajtung“ etc. Von der ausländischen Presse mag er am liebsten die Pariser Naje Prese, die ihm stets eine fertige Literaturbeilage zukommen lässt… Von den berühmten Dichtern bevorzugt er Lajwik und Pese Majewska des Leipheimer Kibbuz Haowed.

Humor ist bei ihm so selten anzutreffen wie das Salz am Mittagstisch der hiesigen Kantinen...

Dürfen wir vorstellen?! Dies ist unser Redakteur Baruch Hermanowiecz. Schauen Sie ihn sich gut an: Sein zerknautschtes, ausgemartertes Gesicht, seinen halb herabgelassen Kopf, seinen mit der gesamten Weltpresse überladenen Schreibtisch. Ich werde Ihnen eines aus dem Kopf schlagen: Haben Sie kein Mitleid mit ihm! Tagtäglich darf er 181 Manuskripte mit krakeliger Handschrift geschriebenen Hieroglyphen durchsehen, von denen – sagt es nicht laut – nicht weniger als 180 im Papierkorb landen oder zur Beheizung der rauchigen Öfchen mit dem nassen Holz dienen (Wem sonst sollte das Wirtschaftsamt das nasse Holz zukommen lassen?...). Die Redaktionsmitarbeiter sind ihm für das Heizmaterial sehr dankbar. Sogar die „Autoren“ der dem Feuer verurteilten Manuskripte sind ihm dankbar – das verstehen Sie sicherlich … Vielleicht wollen Sie selbst einmal etwas schreiben, dann erinnern Sie sich an das Gesagte und – der Appetit wird Ihnen vergehen…

Seine favorisierten Themen sind Eretz Israel, Zionismus und die Chelouche-Bewegung.[3] Mit der Sonej-Zion w´Israel[4] rechnet er auf eine messerscharfe Art ab. Das bedeutet: Er schneidet scharfe Artikel aus den ausländischen Zeitungen aus und druckt sie in unserer Zeitung ab... [Bild 2: Red. Hermanowicz an seinem Schreibtisch. Sein Gesicht spiegelt die Sorgen der ganzen Welt wider. Und es ist kein Wunder: Weder im Forverts, noch im Tog, noch im Morgen Journal und auch nicht im Dawar konnte er fröhliche jiddische Neuigkeiten finden. Und Sie glauben für uns, seine Mitarbeiter, hat er ein paar nette Worte übrig...?]

Spaß bei Seite: Die Zion-Gegner haben große Angst vor ihm. Man berichtete uns, dass der englische Außenminister Bevin – nachdem er die Antwort unseres Redakteurs auf seinen Artikel über die Eretz Israel-Erklärung gelesen hatte – so überrascht und erschrocken war, dass er unverzüglich die Jagd auf „illegale“ Leute, die durchaus vorkommt in… der englischen Zone in Deutschland, verbieten ließ. Desweiteren ordnete er an, dass die „Landsberger Lager-Cajtung“ nicht mehr in das englische Imperium hineingelassen werden darf, außer in … Bergen-Belsen...

Diese große und stabil gebaute Mannsperson kennen Sie gut. Sie treffen ihn im Kulturamt, in den Fachschulen, im Krankenhaus, in Greifenberg, in Holzhausen, in Schongau an und – wo nicht?

[Bild 3: Agr. Jakow Oleiski an seinem Schreibtisch. Das Bild zeigt ihn in einem Moment, in dem er tief in Gedanken versunken ist: Was könnte man noch über das Ghetto Kowno und über die Fachschulen schreiben...?] Ein herzensguter Mann ist er, unser Mitarbeiter. Er kann für Sie über alle jiddischen Themen schreiben, aber am Liebsten schreibt er über das Ghetto Kowno und über die Landsberger Fachschulen (Letzteres auch über alle Schulen in ganz Bayern). Viele Autoren, die versuchten über das Ghetto Kowno zu schreiben haben – nachdem Herr Olejski seine sensationellen Materialien über Kowno veröffentlicht hatte –, ihre Texte wieder eingepackt. Und wohingegen unsere Zeitung in die weitesten Winkel der Welt hinausgeht – sogar bis nach München, ungeachtet dessen, dass man sich dort beizeiten bemüht zu rechtfertigen – blieb bereits kein einziger Mann übrig, der nicht über die verschieden „Aktionen“ im Ghetto Kowno und die bayrischen Fachschulen Bescheid wusste.

Nun sitzt er an seinem Schreibtisch und zerbricht sich den Kopf: Was könnte man noch über Kowno und die Fachschulen schreiben? Vielleicht gibt es noch weitere Fachschulen auf dem Mond...?

[Bild 4: Jeder bei seiner Arbeit. Freund L. Diller sucht Material für seinen politischen Bericht und Ch. M. Fridenzon (rechts) stellt die lokale Chronik zusammen. Aufgrund des Mangels an Tischen teilen sie sich einen Schreibtisch.]

Zapoznajcie się![5] Der links Abgebildete ist unser neuer Mitarbeiter. Sein Name ist Lazar Diller. Sein Spezialgebiet ist die Politik. Über ihn sagt man folgendes: Er sitzt in der Redaktion der „Landsberger Lager-Cajtung“, im Block X und führt die Politik der ganzen Welt. Weiter heißt es über ihn, dass die „Großen Drei“ oder die „Großen Fünf“ sehr große Stücke auf die Meinung unseres Mitarbeiters halten, was die Annahme von erstklassigen Beschlüssen betrifft. Seine Lieblingsthemen sind die Atombombe und die Eilmeldungen aus dem Nahen Osten.

Der, der rechts sitzt, ist unser Mann, der die lokale Chronik zusammenstellt. Ungeachtet dessen, dass er sich einen Tisch mit Freund Diller teilt, gibt es für ihn ganz andere Anziehungspunkte. Den Ersten, wie gesagt, interessieren die Eilmeldungen aus dem Nahen Osten und den Zweiten hingegen interessieren die Eilmeldungen aus den Landsberger Kantinen: Was fehlt in der Suppe...? Er mag seine Zeitungsarbeit sehr. Er liebt es, Referate zu bearbeiten, Konzerte, Gerichtsunterlagen, doch am allerliebsten „bearbeitet“ er Bankette; berichtet darüber, wer noch darüber redet, dass es dort nur zum Schein gedeckte Tische gibt...

Auch unsere verehrteste Leiterin der Administration, Frau Rabinowicz, muss ich Ihnen nicht mehr vorstellen. Es gibt keinen Litwak[6] und keinen Polen (beide Sprachen spricht sie fließend) in Landsberg, der nicht diese hochgeschätzte und sympathische Frau kennt. [Bild 5: In wichtiger Angelegenheit: Unsere ehrenwerte und beliebte Administrationsleiterin Frau Roza Rabinowicz auf dem Weg, die Zusatzaufgaben für alle Mitarbeiter einzusammeln. Dies ist ein wichtiger Moment im Leben des Redaktionspersonals und bedeutet allen so viel, dass sogar der ständig abwesende Redakteur Hermanowicz (rechts) sich Zeit nimmt, ihren Weg zu segnen und ihr viel Glück zu wünschen. Links: Ihr Mann Herr P. Rabinowicz, der zu ihrer persönlichen Aushilfe delegiert wird.] Die Litauer sagen, sie sei ein „umgänglicher“ Typ und die Polen behaupten das Gegenteil. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, von Amt zu Amt zu gehen und mit viel Glück unsere Redaktionsmitarbeiter ausfindig zu machen. Ganz früh am Morgen können Sie sie in der UNRRA antreffen, um 10 Uhr in der Militär-Regierung, mittags in Herrn Walachs Malbish-Arumim[7] Institut und am Abend zu den Lechem-le'echol[8]-Apartements bei Herrn Blum. Wenn Sie unseren Freund, den Redakteur, angezogen in Big-Day-Malches[9] und mit allem Guten versorgt in seinem Zimmer vorfinden, sollten Sie wissen, dass Sie dies allein ihr zu verdanken haben.

Das obere Foto wurde gegen 8 Uhr in der Früh gemacht, wenn Frau Rabinowicz sich für gewöhnlich auf ihre Expeditions-Besuche durch die Ämter vorbereitet. Unser Redakteur (rechts) wünscht ihr im Namen des gesamten Personals viel Glück und ein langes Leben. Ans Lenkrad des Autos muss sich ihr Mann, Herr Rabinowicz, setzten, der sich damit rühmt, wohl der einzige Mann einer Frau zu sein, der ans Steuer darf...

An diesem Tisch wird eine außergewöhnliche Arbeit ausgeführt. Hier wird die Zeitung korrigiert, hier werden die durch den Linotypisten und den Setzer gemachten Fehler gekennzeichnet, so dass man sie später ausbessern kann. [Bild 6: Die Freunde Fridenzon und Pomeranz korrigieren die Zeitung] Und falls Sie nach all dem noch bis zu drei Fehler pro Spalte der Zeitung entdecken, haben Sie es diesen beiden Leuten zu „verdanken“. Den Rechten kennen Sie bereits von einem anderen Bild. Er hilft aber auch bei der Korrektur der Zeitung mit. Wenn der Redakteur ihn fragt: „Freund Korrektor, weshalb haben Sie in Olejskis Fachschulen-Artikel an die 47 Fehler übersehen?“, antwortet er darauf kühl, ruhig und mit einem verachtenden Tonfall: „Wie auch immer – Es gibt keinen Menschen, der nicht einmal einen Fehler macht …“

Der Haupt-Verantwortliche aber für die Fehler ist der Zweite von links, der Freund Pomeranz, ein stiller, ruhiger junger Mann, der treu und untergeben für die Zeitung arbeitet. Er ist sehr pünktlich (mittags schläft er Punkt genau zwei Stunden und 15 Minuten) und achtet sehr stark darauf, dass noch mehr Fehler ausgebessert werden. Er lebt mit den Setzern nicht gerade auf sehr gutem Fuß. Er, so jammert er, besserte alle Fehler aus und die Setzer – was für schöne Freunde – verwerfen die Korrekturen und – dann treffen sie sich alle vor dem hiesigen jüdischen Gericht wieder.

Hier wird die Zeitung „lateinisiert“; hier bekommt sie ihr gojisches[10] „Gewand“, so dass alle Wladeks und Heles, die nicht der Jiddischen Schrift mächtig sind, sie lesen können. (Und auch der hiesige Bürgermeister soll Marjan Zyds Artikel über Nürnberg sowie Bialostockis „flammende“ Poesien lesen können). [Bild 6: Die jiddischen Manuskripte werden „lateinisiert“] Langsam und deutlich diktiert der uns bereits bekannte Freund Pomeranz, und pfeilschnell und gut schreibt Fräulein S. Goldschmid mit. Nach dem Redakteur sind sie die ersten beiden Menschen, die die Artikel lesen. Für Fräulein Goldschmid ist das Schreiben auf der Maschine nicht nur eine technische Arbeit, auch der Inhalt gefällt ihr sehr. Am meisten liebt sie es aber, das inhaltsreiche Material der lokalen Chronik des Freundes Fridenzon abzutippen.

[Bild 7: Wir suchen den Verwandten... Wir wünschen... Fräulein Ruth Korek bei der Arbeit.] Mit Fräulein Ruth Korek, unserer administrativen Sekretärin und Maschinistin, sollten Sie gut auskommen. Wenn Sie in Feldafing oder Kaufering einen Verwandten ausfindig machen wollen, wenn Sie eine Hochzeit planen oder eine Brit Milah[11] – führt kein Weg an ihr vorbei. Sie ist keine Geburtshelferin – sie nimmt alle Suchanzeigen und Gratulationen entgegen, stellt sie zusammen und „lateinisiert“ sie. Wenn Sie will – setzt sie Ihre Hochzeitsgratulation auf einen angesehenen Platz (mit den Setzern, ganz besonders mit dem Hauptsetzer, versteht sie sich gut), wenn sie will – setzt sie Ihren Hochzeitswunsch zwischen... den Todesanzeigen. Danach können Sie schreien soviel Sie wollen – es wird Ihnen gar nichts nützen.

Auch mit diesem stillen und bescheidenen jungen Mann, unserem Hauptsetzer Freund Dworkowicz, sollen Sie bekannt gemacht werden. Für ihn ist unsere Zeitung das, was für einen Bäcker der Teig ist. Wenn wir ihn nicht hätten, würde unsere Zeitung in Leipzig erscheinen. Wie es nun einmal die Art eines jeden jungen Setzers ist, liest er selbst keine Zeitung. Doch ist er sehr am Streik interessiert... [Bild 8: Eine Seite der Zeitung ist fertig. Unser Hauptsetzer hat eine Seite der Zeitung zusammengestellt und ist sehr zufrieden, dass die Geburt der Zeitung immer näher rückt. Weshalb er auf dem Bild so ernst aussieht? - … Nun, wer von uns denkt nicht einmal über Unerfreuliches nach...] Was ich über ihn sagen kann ist Folgendes: Da er solch eine sechzehnseitige Zeitungsausgabe aufstellen kann – so eine wie die heutige –, ist er einer ehrenwerten Braut würdig... Eine Polnische, eine Litauische – ganz gleich, Hauptsache eine Feine, eine Gute. Wer will die Kandidatin sein?

[Bild 9: Bald werden wir unser Produkt zu Gesicht bekommen. Freund H. Schike bereitet einen Abzug einer fertigen Seite vor.] Dies ist die zweite Hand des oben Genannten. Herman Schike ist sein Name und dennoch ist er kein Deutscher. Er liebt alles auf der Welt, sogar schöne Frauen. Er liebt es aber nicht, die markierten Fehler in den Korrekturfahnen auszubessern... So macht er sich einen Abzug einer fertigen Seite mit den Artikeln des Redakteurs, und man könnte doch meinen, dass alle Fehler bereits ausgebessert seien. Stellt sich heraus – loj dubim weloj ja'ar.[12] Es stellt sich heraus, dass der Redakteur nicht aus Stahl ist, da ihm die Galle vor Pein überlaufen mag.

[Bild 10: Er sitzt nicht am Fortepiano... Der 61jährige deutsche Linotypist Herr Raab „wirft“ mit Linotypen bleierne Zeilen für unsere Zeitung heraus.]

[Bild 11: Die Zeitung ist fertig! Die modernste Rotationsmaschine wirft automatisch 200 Zeitungen in einer Minute heraus. Rechts: Der Inhaber der Druckerei KARL NEUMEYER schaut sich das eben gefertigte Produkt an. Er freut sich sehr, dass seine deutsche Maschine eine jiddische Zeitung mit anti-hitlerischen Artikeln druckt.]

[Bild 12: Die Zeitung wird von der Druckerei in allen Winkeln der Landsberger Jiddischen Zentren ausgesandt. Der Erste von rechts: Leiter der Expedition Herr P. Rabinowicz. Er steht dort mit den Händen in den Taschen und schöpft seinen Stolz aus vollen Eimern...]

[Bild 13: Ist es nicht besser von rechts nach links zu setzen? Freund A. Silberberg setzt für unsere Zeitung und träumt vom Dawar in Tel Aviv.]

Dieser junge Mann, Alek Silberberg, ist ein guter Setzer, ein Leitstern auf dem Gebiet der Todesanzeigen. Er bedauert nur, dass die Namen und Familien in den Todesanzeigen keine deutschen sind... Sein großer Wunsch ist es, als Setzer von unserer Zeitung zum Dawar in Tel Aviv zu wechseln. Sie vergeben ihm? Ich auch.

[Bild 14: Wie viele Exemplare soll man nach München schicken?... So zerbricht sich unser energischer und pragmatischer Expeditionsleiter Herr F. Rabinowicz seinen Kopf. Werden unsere Zeitungen die Hände unserer Leser erreichen, welche von Tag zu Tag zunehmen?]

[Bild 15: Man schnappt sich die Zeitung, als wären sie … Zusatzrationen. Der Erste von rechts – Leiter des Versorgungsamtes, Herr B. Blum.]

[Bild 16: Unser Fotoreporter Herr G. Kadish mit seinem „Ghetto-Apparat“ in der Hand. Der Untergrund-Fotograf der „Aktionen“ in Kowno... Der unermüdliche Dokumentarist der Vernichtung in Polen und Ungarn... Der Fotoreporter des neuen Lebens der Sharit Ha-Platah.[13]]

(Fortsetzung auf Seite 14)

Anmerkungen

[1] Im Original: „[…] a farfor in der zibeter rip” Übers. in etwa „[…] einen Stoß in die siebente Rippe versetzen, jmd. an der empfindlichsten Stelle treffen.“ Die Redewendung führt drauf zurück, dass die siebte Rippe als empfindlichste Stelle des Leibes betrachtet wird. „Die Redensart wird oft in der Bedeutung ‚ins Herz treffen‘ gebraucht […], und das Herz sitzt in der Tat hinter der siebten Rippe.“ Vgl. Erika Timm, Historische jiddische Semantik. Tübingen 2005, S. 253.
[2] Kiryat Yam (wörtl. Seestadt) ist eine Stadt in Israel, die 1945 ca. 12 km nördlich von Haifa gegründet wurde.
[3] Yosef Eliyahu Cheloche (1870-1934) war ein Unternehmer, Geschäftsmann und Industrieller sowie einer der Gründer der Stadt Tel Aviv in Israel. Er war ein politischer Verfechter für eine Jüdisch-Arabische Koexistenz in Israel-Palästina.
[4] Hebr. sin'a, hassen, Hass. Vermutl. eine Anti-Zionistische Bewegung in Israel.
[5] Poln. Wir stellen vor!
[6] Jidd. Bezeichnung für einen Juden aus Litauen.
[7] Hebr. für „die Armen bekleiden“, eine jüdische Hilfsorganisation für die Armen.
[8] Hebr. für „das Brot zur Speise“, eine jüdische Hilfsorganisation für die Armen.
[9] Zusammensetzung aus engl. „Großer Tag“ und jidd. „festliche oder königliche Kleidung“.
[10] Jidd. Nicht-Jude
[11] Jidd. Bund der Beschneidung. Am 8. Tag nach der Geburt werden im Judentum neugeborenen Söhne beschnitten. Der Brauch hat seinen Ursprung im Alten Testament: „Dies ist mein Bund, den ihr hüten sollt zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: beschnitten soll euch jeder Männliche werden“ (Gen. 17, 10).
[12] Hebr. Sprichwort: lo dubbim ve-lo ya'ar, in etwa: Gibt es keine Bären, gibt es keinen Wald.
[13] Hebr. für Holocaust-Überlebende

Quelle: H. Boruchowicz, „Unzer redakcje baj der arbet (Reportaz),“ Landsberger Lager-Cajtung, Numer 2 (14), Frajtik, 18 Januar 1946, Zajt 8-9. Leo Baeck Institute, New York. MF B1110. Online verfügbar unter: Internet Archive, https://archive.org/details/landsbergerlager1220unse

Übersetzung aus dem Jiddischen ins Deutsche von Susan Hiep

Zeev W. Mankowitz, „Two Voices from Landsberg: Rudolf Valsonok and Samuel Gringauz“, in Life between Memory and Hope: The Survivors of the Holocaust in Occupied Germany. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 2002, S. 161-91.

„Unsere Redaktion bei der Arbeit (Reportage)“, Landsberger Lager-Cajtung (18. Januar 1946), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/wissen-und-bildung/ghis:document-201> [14.05.2021].