W. E. B. Dubois: Erinnerung an seine Berliner Jahre (1892–94)

Kurzbeschreibung

Der bekannte Soziologe W. E. B. Dubois (1868–1963), der als erster Afroamerikaner an der Harvard University promovierte, verbrachte zwei Studienjahre an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Seine Betrachtungen zum akademischen Leben in Deutschland wirken wenig überraschend, doch seine Beobachtungen zur Offenheit der deutschen Gesellschaft dienten ihm als Kontrastfolie zu dem Rassismus, dem er sich zu Hause ausgesetzt sah.

Quelle

10. KAPITEL
EUROPA, 1892–1894

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In den Jahren zwischen 1885 bis 1894 studierte ich an der Fisk-Universität, am Harvard College und an der Universität zu Berlin. Es war für mich damals schwierig, zu einer kritischen Einschätzung der Welt und ihrer Bedeutung zu gelangen, die sich von der allgemein herrschenden Einmütigkeit um mich herum unterschied. Offenbar bewahrte mich nur eine Überlegung davor, mich völlig mit den Ansichten und Irrtümern der damals herrschenden gesellschaftlichen Tendenzen zu identifizieren; und diese bezog sich auf das Problem der Beziehungen zwischen den verschiedenen Rassen und Kulturen. Andernfalls wäre ich vielleicht einfach nur ein gewöhnlicher Vertreter meiner Zeitepoche geworden. Der Kampf, auf den ich mich vorbereitete, und die Situationen, die ich verstehen und untersuchen wollte, bezogen sich ihrerseits in erster Linie auf die Notlage der vergleichsweise kleinen Gruppe schwarzer Amerikaner [„American Negroes“], mit der ich mich identifizierte, und theoretisch auf die gesamte Rasse der Schwarzen [„Negro race“] im weiteren Sinne. Mit der allgemeinen Not und den Lebensbedingungen der gesamten Menschheit setzte ich mich nicht auseinander. Das hielt ich für selbstverständlich – und in der damals von mir wahrgenommenen Einmütigkeit des Denkens und der Entwicklung war dies kaum verwunderlich.

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Wäre ich nicht schon so früh auf das Rassenproblem gestoßen und von ihm umgeben worden, wäre ich wahrscheinlich ein bedingungsloser Verehrer der etablierten Gesellschaftsordnung und der wirtschaftlichen Entwicklung geworden, in die ich hineingeboren wurde. Aber genau der Teil dieser Ordnung, der den meisten meiner Mitmenschen nahezu vollkommen vorkam, erschien mir am ungerechtesten und falschsten; und ausgehend von dieser kritischen Einstellung stieß ich im Laufe der Jahre auf andere Dinge in meiner Umgebung, die ich hinterfragte.

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Während meiner Studienjahre hatte ich angefangen, mich für den Kampf zwischen den Rassen zu interessieren. Von Anfang an galt meine Aufmerksamkeit der Demokratie und der demokratischen Entwicklung sowie dem Problem der Beteiligung meines Volkes an der Freiheit der Demokratie. In meinem Studium kamen diese Aspekte nur indirekt zur Sprache. Wir studierten Geschichte und Politik fast ausschließlich aus der Perspektive der altgermanischen Freiheit, der englischen und neu-englischen Demokratie und der Entwicklung der „weißen“ Vereinigten Staaten. Hier konnte ich allerdings aufgrund meines eigenen Wissens und meiner Beobachtungen zur Lage der Schwarzen [„the Negro“] Kritik einbringen.

Europa veränderte meine Lebensauffassung und mein Denken und Fühlen in Bezug auf das Leben grundlegend, obwohl ich mich nur zwei kurze Jahre dort aufhielt, während derer meine Kontakte begrenzt waren und ich nur wenige Freunde hatte. Aber eine Ahnung von der möglichen Schönheit und Eleganz des Lebens durchdrang meine Seele; ich gewann Respekt vor guten Umgangsformen. Zuvor war ich ständig in Eile gewesen. Ich wollte die Welt hart, glatt und schnell und hatte keine Zeit für abgerundete Ecken und Ornamente, für ruhiges Nachdenken und bedächtige Kontemplation. Nun saß ich zeitweise still da. Ich lernte Beethovens Sinfonien und Wagners Ring kennen. Ich betrachtete lange die Farben auf den Gemälden von Rembrandt und Tizian. Ich entdeckte in Bogen und Stein und Kirchturm die Geschichte und das Streben der Menschen und auch ihren Geschmack und ihre Ausdruckskraft. Formen, Farben und Worte verbanden sich für mich zu neuen Kombinationen und Bedeutungen.

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Auf den Bergen und in den Tälern, zuhause und an der Universität begegnete ich Männern und Frauen, wie ich sie noch nie zuvor getroffen hatte. Langsam wurden sie für mich – nicht nur Weiße, sondern einfach Menschen. Das Gefühl einer alles Leben umfassenden Einheit packte mich. Ich fühlte mich zwar nicht weniger leidenschaftlich als Schwarzer [“Negro], aber „Neger“ meinte jetzt ein größeres, weiter gefasstes Gefühl von Humanität und Weltgemeinschaft. Getragen von einer größeren, besseren Welt in meinem Rücken spürte ich: Ich protestierte nicht mehr gegen die Welt, sondern gegen die amerikanische Beschränktheit und die Vorurteile gegen Farbige.

In Deutschland fand ich mich 1892 außerhalb der amerikanischen Welt wieder und betrachtete sie von außen. Um mich herum gab es weiße Menschen – Studenten, Bekannte, Lehrer –, die mit mir diese Welt wahrnahmen. Sie waren nicht ständig damit beschäftigt, mich als eine Kuriosität oder als eine Art Untermenschen zu wahrzunehmen. Für sie war ich einfach ein Mensch aus der irgendwie privilegierten Studentenschaft, mit dem sie sich gerne trafen und über die Welt unterhielten, besonders über den Teil der Welt, aus dem ich kam.

Mit Genugtuung stellte ich fest, dass sie – wie ich – Amerika nicht als Gipfel der Zivilisation betrachteten. Tatsächlich verschaffte es mir eine gewisse Befriedigung zu erfahren, dass die Universität zu Berlin nicht einmal einen Abschluss der Harvard University anerkannte, genauso wenig wie Harvard einen Abschluss von Fisk. Ich war selbst ein wenig erschrocken, als mir klar wurde, wie sehr ich als weiß und amerikanisch angesehen hatte, was weiß und europäisch und überhaupt nicht amerikanisch war: Die amerikanische Musik sei deutsch, sagten die Deutschen; die Amerikaner haben keine Kunst, sagten die Italiener; und ihre Literatur, bemerkten die Engländer, sei hauptsächlich englische. Alle waren sich einig, dass die Amerikaner gut darin waren, alles zu Geld zu machen und es ihnen egal sei, auf welche Weise sie das taten. Und so weiter. Manchmal ging sogar mir ihre Kritik unter die antiamerikanische Haut, aber es war insgesamt erfrischend, meine eigene Haltung gegenüber so vielem laut ausgesprochen zu hören, das Amerika für mich bedeutete.

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Von größter Bedeutung für mich war, dass mir meine Wanderjahre in Europa die Gelegenheit boten, die Welt als Mensch zu betrachten – und nicht nur aus der beschränkten Perspektive einer Rasse oder eines Provinznests. Dies war in erster Linie nicht so sehr das Ergebnis meines Studiums, als vielmehr meiner Begleitung durch Menschen, die meine Hautfarbe nicht irritierte. Seit meinen Jugendtagen im Süden bis hin zu meiner Einschiffung auf einen Rhein-Passagierdampfer in Rotterdam im August 1892 hatte ich Weiße nicht mehr als Menschen in dem Sinne betrachtet, wie ich einer war. Ich hatte die Gewohnheit entwickelt, Vorurteile gegenüber meiner Hautfarbe so sehr vorauszusetzen, dass ich sie auch dann erwartete, wenn sie gar nicht vorhanden waren. Als ich also auf diesem kleinen Dampfer eine Holländerin mit zwei erwachsenen Töchtern und einer jüngeren von zwölf Jahren sah, machte ich mich daran, so viel Platz zwischen uns zu schaffen, wie das kleine Schiff zuließ. Viel war das nicht, und die angeborene Lebensart der Dame ließ noch weniger zu. Bald kam die kleine Tochter geradewegs über das Deck gelaufen und stellte sich direkt vor mich. Sie fragte mich, ob ich Deutsch spreche; bevor ich ihr antworten konnte, kamen die Mutter und die anderen Töchter dazu und schon unterhielten wir uns.

Noch bevor wir das Ende unserer Reise erreichten, waren wir fröhliche Reisegefährten geworden, lachten, aßen und sangen zusammen, sprachen Englisch, Französisch und Deutsch und sahen uns die hübschen, von Burgen überragten deutschen Städte an. Ein oder zweimal, als das Schiff zum Be- und Entladen anlegte, schlenderte die Familie los, um die Stadt zu besichtigen. Jedes Mal fand ich eine Ausrede, um zurückzubleiben und die Stadt später allein anzuschauen. Bis einmal in Düsseldorf alle aufbrachen, bevor ich es merkte und mich und die hübscheste Tochter im Gespräch zurückließen. Als sie sah, dass wir angelegt hatten, schlug sie vor, dass wir den anderen folgen und uns die Stadt ansehen sollten. Das taten wir; und danach benahmen wir uns weiterhin wie normale, wohlerzogene Menschen. Ich winkte ihnen allen zum Abschied zu, in den feierlich gewölbten Seitenschiffen des Kölner Doms, mit Tränen in den Augen.

So verbrachte ich auch im stattlichen alten Eisenach, im Schatten von Luthers Wartburg, glückliche Ferientage in einem Haus, in dem universitäre Bildung und deutsche Gastfreundschaft keinen Raum für amerikanische Vorurteile gegenüber der Hautfarbe ließen. In dieser ungehinderten sozialen Vermischung mit Europäern mit Bildung und Anstand fand ich aus den Extremen meines rassischen Provinzialismus heraus. Ich wurde menschlicher; ich lernte den Platz von „Wein, Weib und Gesang“ im Leben zu schätzen; ich hörte auf, Menschen zu hassen oder zu verdächtigen, nur weil sie einer bestimmten Rasse oder Hautfarbe angehörten; und vor allem begann ich, die wahre Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung und die verschwommenen Umrisse der Methoden zur Anwendung ihrer Technik und ihrer Ergebnisse in den neuen Sozialwissenschaften zur Lösung der Probleme der Schwarzen [„Negro problems“] in Amerika zu verstehen.

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Im Herbst kehrte ich nach Berlin zurück und schrieb mich an der Universität ein. Während meines Studiums lernte ich einige der großen Vordenker der entstehenden Sozialwissenschaften kennen: in der Wirtschaftssoziologie und in der Sozialgeschichte. Mein Horizont in den Sozialwissenschaften wurde jedoch nicht nur durch Universitätslehrer erweitert, sondern auch durch Studenten aus Frankreich, Belgien, Russland, Italien und Polen.

Für die Einschreibung begaben wir uns in Gruppen von hundert Studenten in einen großen, hohen Saal, der mit Büsten berühmter Berliner Professoren geschmückt war. In jenem Jahr war der Rector Magnificus der weithin bekannte Rudolf Virchow. Er war ein bescheidener und ruhiger kleiner Mann mit weißen Haaren und einem weißen Bart, einem freundlichen Gesicht und einer angenehmen Stimme. Wie schon in Harvard hatte ich auch in Berlin ungewöhnliches Glück. Obwohl ich ein Ausländer war, wurde ich in meinem ersten Semester zu zwei Seminaren bei Gustav Schmoller und Adolf Wagner zugelassen, die beide zu dieser Zeit in ihren Fächern äußerst berühmte Forscher waren. Von beiden erhielt ich schließlich freundliche Gutachten zu meinen Arbeiten in Wirtschaftswissenschaften, Geschichte und Soziologie. Ich saß in Vorlesungen und hörte die Stimme des fanatischen Alldeutschen Heinrich von Treitschke; ich hörte Max Weber; ich schrieb für Schmoller über amerikanische Landwirtschaft und diskutierte über die gesellschaftlichen Bedingungen in Europa mit Dozenten und Studenten. Unter diesen Lehrern und in diesem sozialen Umfeld begann ich, das Rassenproblem in Amerika, das Problem der Völker in Afrika und Asien und die politische Entwicklung in Europa als etwas Zusammenhängendes zu begreifen. Ich begann, mein wirtschaftliches und politisches Wissen zusammenzubringen, doch ich nahm weiter an, dass innerhalb dieser Bereiche von Aktivitäten und Kräften der politische Bereich dominierte. Hier einige Kommentare, die ich damals notierte:

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„Aus meiner Sicht ist der weitaus interessanteste Professor der berühmte von Treitschke, der deutsche Machiavelli. Zu seinen Vorlesungen kommt er immer erst sehr spät, oft beginnt er seine 10-Uhr-Vorlesung über Politik erst um 10.30 Uhr – niemals jedoch vor 10.20 Uhr. []

„Sein Auftritt ist immer gleich. Langsam betritt er den Raum, etwas außer Atem, mit Mantel, Hut und Stock über dem linken Arm. Diese hängt er an der Wand auf und steigt dann zu seinem Pult empor, an dem er während seines Vortrags steht. Dann zieht er seinen rechten Handschuh aus, legt seinen Kopf ein wenig auf die Seite und sagt: „Meine Herren“, in absinkendem Tonfall. Dann beginnt die Vorlesung, die – wie ich einmal einen verwirrten Amerikaner mit einem Seufzer sagen hörte, „nur einen Punkt hat, und den ganz am Ende“. Er spricht eigentlich nicht schnell, aber er artikuliert schlecht (man stelle sich schlecht artikuliertes Deutsch vor!) und er hat eine Eigenart, statt am Ende des Satzes in der Mitte Luft zu holen, so dass man keine natürliche Pause hört.“

„Seine Vorlesungen sind dennoch äußerst interessant. Er ist voller Begeisterung für sein Fach, ein Mann mit starken Vorlieben und Abneigungen, Überzeugungen und Zweifeln. Er ist die buchstäbliche Verkörperung des unter einem Monarchen vereinigten, bewaffneten Deutschlands. Für Frankreich hat er Mitleid, alles Englische verachtet er zutiefst – während Amerika, nun ja, die Vereinigten Staaten sind seine bête noire und er lässt kaum eine Gelegenheit aus, sie heftig zu kritisieren. Einmal erschreckte er mich, indem er während einer Vorlesung über Amerika plötzlich ausrief: „Die Mulattin [sic] sind niedrig! Sie fühlen sich niedrig.“ Ich hatte das Gefühl, als würde er auf mich zeigen, aber ich nehme an, er war sich meiner Anwesenheit überhaupt nicht bewusst. In jedem Fall hätte meine An- oder Abwesenheit keinen Unterschied für ihn gemacht. Er hatte die Angewohnheit, aus heiterem Himmel außergewöhnliche Behauptungen von sich zu geben und offensichtlich zu glauben, was er soeben geäußert hatte. Meine Mitstudenten ließen nicht erkennen, dass sie eine Verbindung zwischen dem, was er gesagt hatte, und mir herstellten. Dennoch war von Treitschke kein engstirniger Mensch. Seine Sichtweise war die des geborenen Aristokraten, dem etwas von der Carlyle’schen Verachtung für die nivellierende Wirkung der Demokratie zu eigen ist. Auf der anderen Seite kritisiert er seine eigene Regierung und Nation rücksichtslos, wenn ihm das angezeigt erschien – ich habe ihn einen der höchsten Beamten als einen verrückten Dummkopf bezeichnen hören, wärend die Studenten johlten. []

„Der Unterschied im allgemeinen Auftreten zwischen einem Berliner Studenten und seinem Pendant aus Harvard ist sehr deutlich. Der Harvard-Student schlendert betont nachlässig herum, vergräbt seine Hände in den Taschen, kleidet sich gut, wenngleich mit einer gewissen bewussten Sorglosigkeit und tritt als junger Mann mit der Grundhaltung „hol’s doch der Teufel“ auf. Den Windeln ist er entwachsen, doch noch nicht in einer Zwangsjacke gelandet. Der Berliner Student stolziert herum, nie würde er seine Hosentaschen benutzen oder in der Öffentlichkeit pfeifen, er ist schlecht gekleidet, aber mit einer gewissen Geziertheit, durch Hemdkragen, Handschuhe und Gehstock. Er erscheint als junger Mann von Intellekt, vielversprechend und von akuter Wichtigkeit. Eine Schar deutscher Studenten ist pittoresker.“

„Im gesellschaftlichen Leben ist der Partikularismus hier sogar ausgeprägter als in Harvard. Der Einfaltspinsel, der die Frage stellt: „Und wie sieht das Sozialleben der Harvard-Studenten aus?“ sollte die Gegenfrage zu hören bekommen: „Welche Harvard-Studenten?“. Ebenso in Berlin. Die meisten Studenten haben ihre Kneipenjahre andernorts verbracht und kommen – wenn nicht für ein ernsthafteres, so doch für ein anderes Spiel – hierher. Die Verbindungen spielen deswegen hier darum keine so große Rolle wieder an anderen Orten.“

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Der Prunk und der Patriotismus Deutschlands im Jahr 1892 erstaunten mich. In Neuengland war unser Patriotismus kühl und intellektuell. Unsere Nation war eine großartige und es war unsere Pflicht, sie zu schützen. Wir „liebten“ sie vom Verstand her, nicht aus Leidenschaft. Im Süden sprachen und dachten Schwarze [„Negroes“] nicht daran, patriotische Gefühle für eine Nation zu hegen, die ihre Vorväter 250 Jahre lang als Sklaven gehalten hatte. Andererseits huldigten wir Rebellen wie Robert Dale Owen, Henry George oder Edward Bellamy. Wenn ich meine deutschen Kameraden „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ singen hörte wurde mir bewusst, dass sie etwas empfanden, das ich nie gefühlt hatte und vielleicht nie fühlen würde. Das Marschieren der Soldaten, das Salutieren der prächtigen Uniformen, die Marschmusik und der Rhythmus der Bewegung regten meine Sinne an.

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Die vielen Ferien während des akademischen Jahres nutzte ich für Reisen durch Deutschland und in andere Teile Europas, doch nach dem Sommer in Eisenach vermisste ich die Gesellschaft enger Freunde. Ich nahm meine alte Gewohnheit wieder auf, alleine zu reisen.

Ich hatte einige Freunde unter den Studenten in Deutschland und hätte sicherlich noch mehr haben können. Man lud mich ein, einer Gesellschaft für das vergleichenden Studium des internationalen Rechts beizutreten. Hier fand ich einige gute Kameraden, und wir diskutierten und veröffentlichten eine Reihe von Verordnungen. Ausserdem verfassten wir ein Liederbuch, zu dem ich auf einstimmige Aufforderung hin eine Übersetzung des damals bekannten „Ta-ra-ra-boom-de-ay!“ beisteuerte. Zu meiner ersten Reise brach ich dennoch alleine auf und wählte die Hanse-Städte im deutschen Nordwesten als mein Reiseziel. Die Reise plante ich für den März, doch vor meinem Aufbruch hatte ich am 23. Februar noch meinen 25. Geburtstag. Ich hatte keinen meiner Kameraden eingeladen.

Das war im langen, dunklen norddeutschen Winter, und obwohl ich es gemütlich hatte, fühlte ich mich ein bisschen einsam und weit entfernt von der Heimat und meinen Jugendfreunden.

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In den Weihnachtsferien 1893 unternahm ich eine Reise durch Süddeutschland. Zu dritt besichtigten wir Weimar, Frankfurt, Heidelberg und Mannheim. Von Heiligabend bis Neujahr kamen wir in einem kleinen deutschen Dorf in der Rheinpfalz unter, was eine ausgezeichnete Gelegenheit für mich war, das bäuerliche Leben aus der Nähe zu sehen und es mit dem Landleben im Süden zu vergleichen. Wir waren zu dritt unterwegs – ein Schotte, ein Amerikaner und ich. Der Amerikaner stammte von deutschen Immigranten in den Vereinigten Staaten ab und hatte Verwandte im südwestdeutschen Rheinland. Weihnachten verbrachten wir in einem Dorf namens Gimmeldingen. Das waren wunderbare Ferientage, mit Besuchen und Festmahlen bei der Landbevölkerung, die mich wie einen Prinzen behandelte! Wir besuchten rund zwanzig verschiedene Familien, redeten, assen und tranken neuen Wein mit ihnen. Wir lauschten ihrem Dorfklatsch, begleiteten sie zu ihren Versammlungen etc. Die Rechnung, die mein unterwürfiger Vermieter mir bei meiner Abreise vorlegte, betrug etwa ein Zehntel dessen, was ich erwartet hatte. []

Anschließend beschlossen wir, nach Italien weiterzufahren; nach Genua, Rom und Neapel und dann hinüber nach Venedig und Wien und Budapest. []

Über Prag und Dresden kehrte ich nach nach Berlin zurück und begann mein drittes und letztes Semester. Schmoller wollte, dass ich meine Doktorarbeit einreichte, obwohl ich das an einer deutschen Universität geforderte „Triennium“[1] noch nicht abgeschlossen hatte und meine Arbeit aus Harvard nicht anerkannt wurde. Die Fakultät war in meinem Fall dennoch dazu bereit, wurde aber von dem Englischprofessor zurückgehalten, der damit drohte, ähnliche Ansprüche mehrerer Briten durchzusetzen. Bedauerlicherweise musste ich daher auf die Gelegenheit für eine deutsche Promotion verzichten und auf den Abschluss in Harvard warten.

Als Abschied von Deutschland unternahm ich im Frühjahr 1894 eine Harzreise. Wieder brach ich allein auf, aber dank meines mittlerweile flüssigen Deutschs und meiner großen Reiseerfahrung fühlte ich mich nicht als Fremder. Über diese Reise habe ich kein Tagebuch geführt, aber ich fuhr von Berlin aus Richtung Westen nach Magdeburg und Halberstadt in Sachsen. Ich kam am prächtigen Sitz des Grafen zu Stolberg-Wernigerode vorbei. Dann kletterte ich auf den Brocken und erlebte nochmals die Walpurgisnacht; ich watete durch Bäche und erklomm Berge, bis ich in völliger Dunkelheit zu einem alten Gasthaus kam. Ich bestellte Bier und Kalbsbraten und speiste allein. Das war mein formvollendeter Abschied von einem Deutschland, das es nicht mehr gibt. []

Anmerkungen

[1] Anm. der Übers.: Triennium academicum bezeichnet eine Studiendauer von drei akademischen Jahren und war die Voraussetzung für die Ablegung von Staatsprüfungen.

Quelle: W. E. B. DuBois, The Autobiography of W. E. B. DuBois. A Soliloquy on Viewing My Life from the Last Decade of Its First Century. New York: International Publishers, 1968, S. 154–177.

Übersetzung: Katharina Böhmer

Robbie Aitken und Eve Rosenhaft, Black Germany: The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884–1960. Cambridge: Cambridge University Press, 2015.

Katharina Oguntoye, Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950. Berlin: Hoho Verlag Christine Hoffmann, 1997.

W. E. B. Dubois: Erinnerung an seine Berliner Jahre (1892–94), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/deutschsein/ghis:document-234> [05.08.2021].