Arthur Holitscher, Auszug aus Amerika heute und morgen (1912)

Kurzbeschreibung

In diesem Auszug aus seinem bekanntesten Werk Amerika heute und morgen beschreibt der aus Ungarn stammende deutschsprachige Autor Arthur Holitscher (1869-1941) die Passagiere verschiedener Gesellschaftsgruppen, denen er während seiner Schiffsreise in die USA begegnet. Da Holitscher jüdischer Abstammung war, wurden seine Bücher 1933 von den Nationalsozialisten verboten und verbrannt. Er floh ins Exil zunächst nach Paris und später nach Genf, wo er 1941 starb.

Quelle

SOUTHAMPTON WATER

Der Tender bringt uns die Passagiere aus England an. Ein paar schöne Exemplare der angelsächsischen Rasse steigen an Bord. Ein junges Mädchen hat einen riesigen Strauß der Modeblume sweet pea, der Wicke, in ihrer Hand. Ich erkenne alle die Schattierungen, vielen feinen Abstufungen zwischen Violett und Lila, Bronze braun und Orange, Indigo und Heliotrop der schönen Blume wieder. Da ist die zitronengelbe „Clara Curtis“, die lavendelfarbige „Lady Hamilton“, die wunderbare morgenrote „Evelyn Hemus“ mit den ins Weiße spielenden Rändern. Sie alle erkenne ich im Bukett, das die junge Engländerin an Bord bringt. []

Das Zwischendeck lebt jetzt ganz gehörig unterm Sonnenschein. In einer Ecke ist eine Ziehharmonika tätig. Wir haben die „Needles“ passiert und schwimmen jetzt nach Cherbourg hinüber. Die Ziehharmonika spielt das „Hail Columbia“, einen Walzer aus einer Wiener Operette und einen Berliner Gassenhauer. Es ist offenbar ein weltkundiger Mann, der sie auseinanderzieht und zusammenpreßt. Er sieht aus, als sei er schon mal „drüben“ gewesen. Man merkt das einem von denen dort unten überhaupt gleich an, ob er schon „drüben“ gewesen ist oder nicht. Schon an der. Art, wie er zu uns auf dem Promenadendeck hinaufschaut, merkt man’s. Der Ziehharmonikamann hat ein Gesicht, das nicht mehr ganz europäisch ist, aber auch noch nicht amerikanisch. Plötzlich fängt ein alter mährischer Bauer zu singen an. Er hat ein rundes, stoppeliges Pfaffengesicht, er steht hinter der Harmonika, die seinen Gesang begleitet. Er singt ein Lied mit dem Refrain: „Juchheirassa! Vallera“. Der Alte mit dem Pfaffengesicht singt eine Strophe nach der anderen, mit erstaunlichem Ernst all die endlosen Strophen, die mit „Juchheirassa! Vallera“ aufhören. Zwanzig Stimmen oder so singen mit. Alle mit einem Ernst, der nicht mehr zu überbieten ist. Ich versteh kein Wort, aber der Refrain genügt mir: es kann doch kein Kirchenlied sein, das mit: „Juchheirassa! Vallera“ aufhört? Also wozu dieser Ernst? Die Leute alle, die „Kaiser Wilhelm der Große“ im Zwischendeck mitführt, sitzen jetzt oben, zusammengepfercht, und hören andächtig zu. Nur eine kleine Gruppe hat sich abseits gesetzt und mengt sich nicht unters Volk. Es ist Herr Itzig, und Familie. (Seinen Namen setze ich nicht her, denn der gehört in ein Witzblatt).

Herr Itzig und Familie sitzen auf einer Bank und wenden den Singenden den Rücken zu. Sie haben genug mit sich und ihren Familienangelegenheiten zu tun. Frau Itzig kämmt sich coram publico ihren falschen Zopf in der Nachmittagssonne, ihr Gatte liest ihr aus einem grüngebundenen Buch eifrig was vor. Hie und da pufft er sie in die Rippen und erklärt ihr mit pfiffigem Gesicht eine Stelle aus dem Buch, es ist wohl so etwas wie ein pfiffiges religiöses Buch, Talmud oder so. Moischele und Piffl balgen sich unter der Bank um einen Apfel, der immer weiter gegen Steuerbord zu rollt. Die Mutter schreit und kämmt sich dann weiter. Zu allen Tageszeiten steht ein Blechsamowar, mal auf dem Boden, mal auf der Bank, bei der Familie; ein Glas auch, mit einer ganz hellgelben Flüssigkeit darin, Tee aus dem Samowar. Ehe Frau I. das Glas an den Mund setzt, holt sie aus der Tasche ihres Gatten ein Stück Zucker, beißt die Hälfte ab, steckt die andere in die Tasche ihres Gatten zurück und schüttet sich den Tee über das halbe Stück Zucker, das sie sich zwischen die Zähne geklemmt hat, durch die Gurgel hinunter. – Von Zeit zu Zeit muß Freund Itzig mit dem leeren Samowar in die Küche rennen, dort hält er das Blechgefäß unter den Kessel mit heißem Wasser; der armdicke Strahl schießt wie eine Kanonenkugel in das Blech hinein, die paar armseligen Teeblättchen müssen einen Schreck aushalten! Einmal kommt Herr I. mit Geschrei aufs Deck zurück. Was ist geschehen? Der feiste Bauer hat ihm von hinten einen Stoß gegeben, und er hat sich die Hand verbrüht. Jetzt läuft Moischele mit dem Samowar hin und wieder und Vater Itzig hat ein paar Tage lang ein schmutziges blaues Tuch um die Hand gewickelt. Sie kümmern sich nicht im geringsten um die Mitfahrenden, heute und morgen und die ganze Reise lang nicht. Sitzen immer auf dem gleichen Fleck, wenden allen den Rücken und sind mit ihren Familienangelegenheiten vollauf beschäftigt. Schon in Bremen, im Auswandererviertel, habe ich es beobachtet: die Juden halten sich, auch wenn keine Böswilligkeit in der Luft um sie ist, abseits und machen ihr Ghetto, wo sie können. In der schönen, sommerlichen Stadt Bremen konnte man, im Bürgerpark, an der Weser, auf dem herrlichen alten Platz vor dem Rathaus und dem Roland die Auswanderer spazieren sehen. Auf die Abfahrt ihres Schiffes wartend, guckten sie sich, Kinder von hundert Völkern, die Stadt an. Kinder und Weiber waren an den großen Broschen mit dem Porträt des Agenten des Norddeutschen Lloyd Mißler, die sie auf ihren Jacken angeheftet hatten, zu erkennen. Die riesigen Auswandererhallen waren bei dem schönen Wetter so gut wie ausgestorben, und es wohnten doch zurzeit ein paar Tausend da. Nur im Hotel „Zur Stadt Warschau“, dem Quartier der jüdischen Zwischendeckpassagiere, war jedes Fleckchen besetzt. Da standen die Kinder des alten Volkes in Scharen beisammen, auf den Treppen, im Korridor, im Hof, in der Kantine , in der „Schul“, galizische Köpfe mit Käppchen oder künstlichem Haar, in bürgerlicher Kleidung, mit Kaftans, die Kinder flink und lausig, die Weiber schlaff und breit, die Männer pathetisch und mit langen Weichselrohrpfeifen, die jungen Damen in hohen Stöckelschuhen und durchbrochenen Strümpfen, modisch und mit erstaunlichen Mengen von falschem Schmuck behängt. Eine, meiner Treu, Finger, Hals und Ohren starrend vor Schmutz, aber in einem hellblauen Kleid à la Poiret! Ich nehme mir’s vor, in Amerika zuzusehen, wie dieses Volk sein Leben fristet. Es kolonisiert nicht. Es geht nicht nach dem Westen. Es bleibt in Newyork sitzen, hockt lieber in Schmutz und Not beisammen, als irgendwo in der frischen Luft zu l e b e n, wo ’s noch kein Ghetto gibt. Ich vermute, s i e bleiben lieber im Hotel „Zur Stadt Warschau“, weil sie sonst die Brosche mit dem Porträt des Agenten anstecken müßten - - -

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Quelle: Amerika heute und morgen. Reiseberichte von Arthur Holitscher. Erstveröffentlicht 1912. Berlin: S. Fischer, 1913, S. 17-21.

Auswandererlogierhaus „Stadt Warschau“ (1910)

Quelle: Foto: Staatsarchiv Bremen, 10,B-Kartei-1243.

Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, Staatsarchiv Bremen

Arthur Holitscher, Auszug aus Amerika heute und morgen (1912), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-47> [29.01.2023].