May Ayim, Das Jahr 1990. Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive“ (1993)

Kurzbeschreibung

May Ayim wurde 1960 in Hamburg geboren und lebte seit 1984 in Berlin, bis sie 1996 Selbstmord beging. Unter dem Pseudonym May Opitz war sie Mitherausgeberin der wegweisenden Anthologie Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte (1986). Ihre Gedichtsammlung Blues in Schwarz-Weiß erschien 1995. Im Jahr 2010 wurde das Berliner Gröbenufer, das für die Kolonialausstellung 1896 gebaut worden war und während der Teilung Berlins als Sektorengrenze diente, in May-Ayim-Ufer umbenannt.

Quelle

Ich blättere meine Gedanken zurück bis Ende des Jahres 1989 und in das Jahr 1990, in die Verwirrungen und Widersprüche, die Auf- und Abbrüche, die Erinnerungen an Verdrängtes, die Neuentdeckungen.

Damals bewegte ich mich wie auf einem schwankenden Boot. Ich war so sehr damit beschäftigt, nicht im Strudel der Zeit Schiffbruch zu erleiden, daß es mir kaum möglich war, die Ereignisse um mich herum differenziert wahrzunehmen und zu begreifen. Im nachhinein sehe ich einiges nur noch schemenhaft, anderes ist aus der Distanz sehr viel deutlicher zu erkennen. []

In der gesamten Medienlandschaft war von deutsch-deutschen Brüdern und Schwestern die Rede, von einig und wiedervereinigt, von Solidarität und Mit­menschlichkeit ... Ja, sogar Begriffe wie Heimat, Volk und Vaterland waren plötzlich - wieder - in vieler Munde. Worte, die in beiden deutschen Staaten seit dem

Holocaust zumeist nur mit Vorsicht benutzt wurden oder gar verpönt waren und sich lediglich in rechten Kreisen ungebrochener Beliebtheit erfreut hatten, machten die Runde. Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch. Vielleicht ändern sich die Fragen der Zeiten nur wenig und die Antworten der Menschen fast gar nicht. []

In den ersten Tagen nach dem 9. November 1989 bemerkte ich, daß kaum Immigrantinnen und Schwarze Deutsche im Stadtbild zu sehen waren, zumindest nur selten solche mit dunkler Hautfarbe. Ich fragte mich, wie viele Jüdinnen (nicht) auf der Straße waren. Ein paar Afro-Deutsche, die ich im Jahr zuvor in Ostberlin kennengelernt hatte, liefen mir zufällig über den Weg, und wir freuten uns, nun mehr Begegnungsmöglichkeiten zu haben. Ich war allein unterwegs, wollte ein bißchen von der allgemeinen Begeisterung einatmen, den historischen Moment spüren und meine zurückhaltende Freude teilen. Zurückhaltend deshalb, weil ich von den bevorstehenden Verschärfungen in der Gesetzgebung für Immigrantinnen und Zufluchtsuchende gehört hatte. Ebenso wie andere Schwarze Deutsche und Immigrantinnen wußte ich, daß selbst ein deutscher Paß keine Einladungskarte zu den Ost-West-Feierlichkeiten darstellte. Wir spürten, daß mit der bevorstehenden innerdeutschen Vereinigung eine zunehmende Abgrenzung nach außen einhergehen würde - ein Außen, das uns einschließen würde. Unsere Beteiligung am Fest war nicht gefragt.

Das neue „Wir“ in — wie es Kanzler Kohl zu formulieren beliebt – „diesem unserem Lande“ hatte und hat keinen Platz für alle.

„Hau ab, du Neger, hast du kein Zuhause?“

Zum ersten Mal, seit ich in Berlin lebte, mußte ich mich nun beinahe täglich gegen unverblümte Beleidigungen, feindliche Blicke und/oder offen rassistische Diffamierungen zur Wehr setzen. Ich begann wieder - wie in früheren Zeiten - beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln nach den Gesichtern Schwarzer Menschen Ausschau zu halten. Eine Freundin hielt in der S-Bahn ihre afro- deutsche Tochter auf dem Schoß, als sie zu hören bekam: „Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind hier schon selber mehr als genug!“ Ein zehnjähriger afrikanischer Junge wurde aus der vollen U-Bahn auf den Bahnsteig hinausgestoßen, um einem weißen Deutschen Platz zu machen ...

Das waren Vorfälle in Westberlin im November 1989, und seit 1990 mehrten sich dann Berichte von rassistisch motivierten Übergriffen vor allem auf Schwarze Menschen, mehrheitlich im Ostteil Deutschlands. Berichte, die zunächst nur in Kreisen von Immigrantinnen und Schwarzen Deutschen bekannt wurden, offizielle Medienberichterstatterinnen nahmen von den gewaltsamen Ausschreitungen kaum Notiz. []

Ich begann mich über die Ost-West-Feste und Veranstaltungen zu ärgern, die den Nord-Süd-Dialog nicht einbezogen. Auch in der Frauenbewegung wurde Deutsch-Deutsches diskutiert und gefeiert, als wäre Deutschland ausschließlich weiß und das Zentrum der Welt. Es wurden Kongresse und Seminare organisiert, mit Reisekostenunterstützung für Frauen aus der DDR, ohne zugleich an Asylbewerberinnen zu denken, die, egal ob in Ost- oder Westdeutschland, am Rande des Existenzminimums leben müssen. Solches Vorgehen stand in Einklang mit kurzgegriffenen und halbherzigen Solidaritätsaktionen, die auf Regierungsebene von den „Besserwessis“ für die „armen Ossis“ inszeniert wurden.

Ich sehe im Rückblick eine vom Berliner Senat geförderte Kinoreklame vor mir: Ostdeutsche Arbeiter auf einer Baustelle in Westdeutschland. Eine Stimme aus dem Off erläuterte, daß es die Bürgerinnen aus der DDR sind, die die für Westdeutsche unattraktiven und unterbezahlten Arbeitsplätze einnehmen. Der Kommentator ermahnte das Publikum zugleich eindringlich und freundlich, „die Menschen“, die in den letzten Wochen und Monaten zu „uns“ gekommen seien, freundlich aufzunehmen. Warum werden da nur weiße deutsche Männer gezeigt, wenn von Mitmenschlichkeit zwischen Frauen und Männern aus beiden Teilen Deutschlands gesprochen wird? Ich befürworte durchaus einen Aufruf zur Solidarität, aber nicht einen, der unerwähnt läßt, daß die am wenigsten attraktiven Arbeitsplätze und die schlechtbezahltesten von Arbeitsmigrantinnen aus europäischen und außereuropäischen Ländern übernommen werden. Wo bleibt der Aufruf zur Solidarität mit denjenigen, die im Zuge deutsch-deutscher Vereinnahmung und Konkurrenz als erste Gefahr laufen, keine Arbeits- und Wohnmöglichkeiten mehr zu finden und ihre Stellen und Ausbildungsplätze zu verlieren? Für Asylantragstellerinnen gab es keine breitangelegten Solidaritätsaktionen mit guten Worten und ermäßigten Eintrittskarten. Im Gegenteil, das Aufenthalts- und Bleiberecht insbesondere für Menschen aus den zumeist verarmten außereuropäischen Ländern wurde mittels neuer Gesetzesvorlagen drastisch eingeschränkt, und der zunehmenden rassistischen Gewalt auf der Straße sahen weiße Bürgerinnen und Politikerinnen aus Ost und West bis Ende 1990 weitestgehend tatenlos zu. Auch die „Aufnahmebereitschaft“ und „Gastfreundlichkeit“ gegenüber weißen DDR-Bürgerinnen erschienen mir trügerisch angesichts des Verhaltens gegen sogenannte ausländische Mitbürgerinnen, die nicht erst seit neuestem permanent darauf hingewiesen werden, daß das „Boot“ voll sei. []

Das Beschweigen und Nichtwahrnehmen von Rassismus, auch durch „progressive“ Linke und unter frauenbewegten Frauen, empfand ich im Jahr 1990 als beängstigend und schockierend, und doch überraschte es mich kaum. Zwar waren seit Mitte der achtziger Jahre vermehrt Diskussionen zum Thema „multikulturelle Bundesrepublik“ geführt worden, jedoch nur in Ausnahmefällen mit der Konsequenz, die eigenen Lebens- und politischen Zusammenhänge so zu verändern, daß eine kontinuierliche, gleichberechtigte Zusammenarbeit mit Immigrantinnen und Schwarzen Deutschen zu einer unverzichtbaren Selbstverständlichkeit geworden wäre und die Auseinandersetzung mit Rassismus zu einem permanenten Bemühen. Das „Zweite Frauenhaus“ in Berlin und der Orlanda Frauenverlag gehören zu den wenigen autonomen Frauenprojekten, die sich schon seit Jahren um eine Quotierung ihrer Stellen für Immigrantinnen und Schwarze Frauen bemühen. []

Die Stimmen von Immigrantinnen, Schwarzen Deutschen und Jüdinnen fanden 1990 erst wieder im Wahlkampf, in der zweiten Hälfte des Jahres, Gehör. In dieser Zeit mehrten sich Kongresse und Veranstaltungen zum Thema „Rassismus“, die mehrheitlich und zum Teil ausschließlich von weißen Deutschen organisiert wurden. Letzteres gilt zum Beispiel für die Tagung „Exclusion and Tolerance“ (Aus­grenzung und Toleranz), die im November 1990 in Eindhoven stattfand. Zwar hielten sowohl Schwarze als auch weiße Wissenschaftlerinnen aus den Niederlanden und der Bundesrepublik Vorträge und Seminare zum Thema, an der Konzeption und Durchführung des Kongresses waren Schwarze Frauen jedoch nicht beteiligt. Für die Vorbereitung der nächsten Tagung wurde daher die Zusammensetzung des Organisationsteams verändert. Auch aus einigen anderen Veranstaltungen sind erfreulicherweise nicht nur schmerzhafte Verletzungen übriggeblieben, sondern gleichermaßen fruchtbare Impulse für eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und weißen Frauen ausgegangen. []

Es wurde in den letzten Wochen verstärkt über die Situation marginalisierter Jugendlicher diskutiert, die zur Zeit die Hauptakteure neonazistischer Angriffe sind. Diskussionen über die Ursachen der Fluchtbewegungen bleiben aus, ebenso Maßnahmen, die Hunger, Krieg und Umweltzerstörung in den verarmten und von Europa abhängig gehaltenen Ländern ein Ende setzen könnten. Ein baldiger und rigoroser Eingriff in das Asylgesetz ist zu befürchten, und auch für Zufluchtsuchende, die bleiben dürfen, wird die Bundesrepublik auf absehbare Zeit kein Ort sein, der sich leichten Herzens „Heimat“ nennen läßt. Letzteres gilt auch für Immigrantinnen, Schwarze Deutsche und jüdische Menschen, die schon lange oder schon immer hier leben.

Die offene Gewalt auf der Straße steht in Einklang mit den Worten führender Politikerinnen und ist teils deren praktische Umsetzung. Aber ich bin überzeugt, daß wir — und damit meine ich alle Menschen in diesem Land, die Rassismus und Antisemitismus nicht dulden - zu Bündnissen willig und fähig sind. Es gibt Beispiele, denen wir folgen oder an die wir anknüpfen können. So hat die Initiative Schwarze Deutsche, die sich Mitte der achtziger Jahre aus einer kleinen Gruppe von Afro-Deutschen bildete, inzwischen Arbeits- und Kontaktgruppen in zahlreichen Städten der Bundesrepublik. Organisationen von Immigrantinnen, Schwarzen Europäerinnen und Juden/Jüdinnen sind dabei, ihre Gruppen und Aktivitäten über die nationalen Grenzen hinaus zu vernetzen.

Quelle: May Ayim, „Das Jahr 1990. Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive“, in Ika Hügel u.a., Hrsg., Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung, Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993, S. 206-220.

May Ayim, „Das Jahr 1990. Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive“ (1993), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-84> [25.10.2021].