Hans J. Massaquoi, „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ Meine Kindheit in Deutschland (1999)

Kurzbeschreibung

Hans-Jürgen Massaquois (1926–2013) Bericht über seine Erfahrungen als Kind eines afrikanischen Vaters und einer deutschen Mutter in Nazi-Deutschland wurde 1999 im Original und in englischer Übersetzung veröffentlicht. In dieser Reihe von Auszügen erinnert sich Massaquoi unter anderem an seine Schulzeit, die Hitlerjugend, Jesse Owens und die Olympischen Spiele 1936.

Quelle

Eine kurze Begegnung

Als ich an einem schönen Sommermorgen des Jahres 1934 in meiner Schule in Barmbek ankam, teilte uns Herr Grimmelshauser, unser Lehrer in der dritten Klasse, mit, daß sich die gesamte Schülerschaft und der Lehrkörper auf Anordnung von Schulleiter Wriede auf dem Schulhof versammeln sollten. Dort verkündete Herr Wriede, wie so oft bei besonderen Gelegenheiten in seiner braunen Naziuniform, daß „der größte Moment in eurem jungen Leben bevorsteht“. Wir seien nämlich vom Schicksal dazu auserkoren worden, „unseren geliebten Führer Adolf Hitler“ mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Um diese Ehre, so versicherte Herr Wriede uns, würden uns unsere zukünftigen Kinder und Kindeskinder dereinst beneiden. Ich war damals acht Jahre alt, und ich hatte noch nicht begriffen, daß ich unter den fast sechshundert Schülern auf dem Schulhof der einzige war, den Herr Wriede nicht meinte.

Wir nahmen Wriede beim Wort, und schon bald herrschte in der gesamten Schule helle Aufregung und Vorfreude auf dieses seltene, völlig unerwartete Glück eines praktisch schulfreien Tages. Wir waren alle gründlich indoktriniert, wußten vom heldenhaften Aufstieg des Führers zur Macht, von seinen übermenschlichen Anstrengungen, Deutschland von der „Versklavung„ zu befreien, unter der es seit dem verlorenen Ersten Weltkrieg litt, von Hitlers Entschlossenheit, die Nation wieder zu Ruhm und Stärke zu führen. Die Allgegenwart des Führers war bereits zu spüren. Seine Porträts hingen wirklich überall – in der ganzen Schule, in öffentlichen und privaten Räumen, waren auf Plakaten und Briefmarken, in Zeitungen und Zeitschrif­ten zu sehen. Noch eindringlicher waren seine mittlerweile vertraute Stimme im Radio und seine regelmäßigen Auftritte in den Wochenschauen. Jetzt hatten wir die Chance, diesen sagenhaften Retter und Wohltäter des Vaterlandes mit eigenen Augen zu sehen. Für die meisten von uns, auch für mich, bedeutete das Ereignis eine unvorstellbare Sternstunde.

Getragen von unserer Begeisterung und von unseren Lehrern flankiert, marschierten wir fast eine Stunde lang bis zu einer Stelle an der Alsterkrugchaussee, einer großen Durchgangsstraße, die auch zum Hamburger Flughafen in Fuhlsbüttel führt.

Die gesamte Strecke vom Flughafen bis zum ehrwürdigen Hamburger Rathaus im Stadtzentrum, die die Wagenkolonne des Führers nehmen sollte, wurde von Tausenden fast hysterischer Menschen gesäumt. Gestrenge Braunhemden hielten sich an den Händen und bildeten eine undurchdringliche und endlose Menschenkette, die die Massen davon abhielt, auf die Straße zu drängen. Wir Kinder saßen am Bordstein hinter den SS- und SA-Leuten und mußten eine stundenlange quälende Wartezeit über uns ergehen lassen. Aber gerade als unsere überstrapazierte Geduld zu reißen drohte, schwoll das Tosen der Menge aus Richtung Flughafen zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an. In diesem Moment schmetterte eine Marschkapelle der SS ganz in der Nähe die Auftaktfanfaren des Badenweiler Marsches, des Lieblingsmarsches des Führers, mit dem sein Nahen offiziell angekündigt wurde. Der Augenblick, auf den alle gewartet hatten, war da. Der Führer stand aufrecht neben dem Fahrer seines Mercedes-Kabrioletts, den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben, ausdruckslos geradeaus starrend, und der Wagen rollte in flottem Schritttempo vorbei.

Der „größte Moment unseres Lebens“, auf den Schulleiter Wriede uns vorbereitet hatte, währte nur wenige Sekunden, aber mir kamen sie wie eine Ewigkeit vor. Da stand ich, ein achtjähriger, kraushaariger, dunkelhäutiger Junge in einem Meer von blonden und blauäugigen Kindern, erfüllt von kindlichem Patriotismus und noch geschützt durch selige Unwissenheit.

Wie alle um mich herum jubelte ich dem Mann zu, der sein Leben der Vernichtung aller „minderwertigen nichtarischen Menschen“, wie ich einer war, gewidmet hatte, dem Mann, der die Welt nur wenige Jahre später an den Rand des Untergangs bringen und sein eigenes Volk in die größte Katastrophe seiner langen Geschichte fuhren würde.

Momolu Massaquoi

Die Geschichte, durch die ich Teil jener fanatisch jubelnden Masse wurde, begann nicht am 19. Januar 1926, dem Tag meiner Geburt. Sie begann auch nicht in Hamburg, meiner Geburtsstadt. Nein, sie begann fünf Jahre früher und über fünftausend Kilometer weit entfernt in Westafrika, in der liberianischen Hauptstadt Monrovia.

Sie begann mit der cleveren Entscheidung des Präsidenten, sich eines möglichen politischen Rivalen zu entledigen. Der Mann hieß Momolu Massaquoi und war mein zukünftiger Großvater väterlicherseits.

Charles Dunbar King, der vierzehnte Präsident Liberias, hatte schon seit einiger Zeit die wachsende Popularität Massaquois als potentielle Gefahr erkannt. Massaquoi war in den USA zur Schule gegangen und hatte nach dem Tod seiner Eltern als Momolu IV zehn Jahre lang über das Volk der Vai geherrscht, das im Grenzgebiet zwischen Liberia und der britischen Kolonie Sierra Leone lebte. []

Mit Hilfe seines politischen Geschicks, seines Charmes und seines guten Aussehens machte Massaquoi eine steile politische Karriere. Da er sowohl bei den Ameriko-Liberianern als auch bei seinem Stammesvolk Unterstützung fand, war der aristokratische Massaquoi bald eine nicht zu unterschätzende politische Macht. Schon wurde er in hohen politischen Kreisen als der nächste Präsident gehandelt. Bis Präsident King beschloß, solchen Spekulationen ein für allemal ein Ende zu bereiten. Aber wie? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Sie kam in Gestalt eines Abgesandten der ersten Regierung der Weimarer Republik, Dr. Büsing. Er traf sich mit Präsident King, um die Möglichkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Liberia und Deutschland zu erörtern. Bei diesem Treffen war auch der Innenminister anwesend, Momolu Massaquoi.

Der Deutsche kam schnell zur Sache. Nach Auffassung seiner Regierung, so erklärte er, sei es an der Zeit, daß die beiden Länder durch die Einrichtung von Generalkonsulaten diplomatische Beziehungen zueinander aufnähmen. Ein solcher Schritt wäre für beide Länder von Vorteil: Liberia würde sich einen dringend benötigten Absatzmarkt für Rohstoffe und Produkte wie Kautschuk, Kakao und Palmöl eröffnen, und Deutschland hätte auf diese Waren wieder ungehinderten Zugriff, einen Zugriff, den es zusammen mit seinen afrikanischen Kolonien nach dem verlorenen Krieg eingebüßt hatte.

Sehr zur Freude des Deutschen war der Präsident nicht nur interessiert, sondern drängte sogar darauf, den Plan sobald wie möglich in die Tat umzusetzen. Allerdings, so gab der Gesandte zu bedenken, sei es überaus wichtig, den richtigen Mann für diese Aufgabe zu finden. []

Sechs Monate nach dem Besuch des deutschen Gesandten traf Momolu Massaquoi, der frischgebackene liberianische Ge­neralkonsul in Deutschland, am 12. Juni 1922 in Hamburg ein.

Er wurde begleitet von seiner Frau Rachel, seinen Söhnen, dem siebzehnjährigen Nathaniel und dem einjährigen Arthur, und seiner zehn Jahre alten Tochter Fatima. Fünf seiner sechs erwachsenen Söhne aus seinen früheren Ehen waren in Afrika geblieben. Sein Ältester und Lieblingssohn, Al-Haj, war bereits in Europa und studierte in Dublin.

[]

Auf der Suche nach „Gläubigen“

Nicht lange nach seiner Machtergreifung machte Hitler deutlich, daß die Unverbesserlichen, die sich gegen die NS-Ideologie sperrten, einer alten, dem Untergang geweihten Ordnung angehörten. Doch welche politische Haltung die Elterngeneration auch vertrat, er wollte dafür sorgen, daß die deutschen Söhne und Töchter ihm ihre bedingungslose Hingabe und Treue entgegenbrachten. Deutschlands Jugend, so tönte er, werde ihm gehören.

Um das zu erreichen, wurden die Schulen in ganz Deutschland angewiesen, ihre Schüler für die Hitlerjugend zu begeistern. Unterstützt wurden sie dabei durch Goebbels’ Propagandaministerium, das am laufenden Band Anschauungsmaterial produzierte – Karten, Dias, Filme und Reportagen –, um Jugendliche auf die Seite des Nationalsozialismus zu ziehen.

Die Käthnerkampschule mit dem Erznazi Wriede an der Spitze widmete sich energisch der Indoktrinierung ihrer Schüler und der Rekrutierung von Nachwuchs für das Jungvolk, der HJ-Abteilung für Zehn- bis Vierzehnjährige, die sogenannten „Pimpfe“. Es verging kaum ein Tag, an dem wir nicht daran erinnert wurden, daß das Leben außerhalb „der Bewegung“ für einen deutschen Jungen im Grunde nicht lebenswert sei. Wriede verfolgte sein Ziel wie üblich mit gnadenlosem Fanatismus und ließ sich immer wieder neue Strategien einfallen. Eines Tages gab er bekannt, daß die Klasse, die als erste geschlossen dem Jungvolk beitrete, mit einem schulfreien Tag belohnt würde.

Unser neuer Klassenlehrer, Herr Schürmann, entwickelte den Ehrgeiz, diese Lorbeeren für unsere Klasse und natürlich auch für sich zu ernten. Er wurde zu einem besessenen Werber und versuchte ununterbrochen, uns zum Beitritt ins Jungvolk zu bewegen. Kernstück seiner Rekrutierungsbemühungen war eine große Graphik, die er mit weißer Kreide auf die Tafel gemalt hatte: ein Rechteck, das in ebenso viele Quadrate unterteilt war, wie es Jungen in unserer Klasse gab. Jeden Morgen erkundigte sich Herr Schürmann als erstes, wer der HJ beigetreten war, und trug dann die entsprechenden Namen in die Graphik ein. Nach und nach gab es mehr Quadrate mit Namen als ohne. []

Eines Morgens nahm Herr Schürmann sich die letzten Zögerer zur Brust und wollte wissen, warum sie „nicht genug Liebe für Führer und Vaterland“ empfanden. Einige erklärten, daß sie nichts gegen Führer und Vaterland hätten, daß sie aber die Aktivitäten des Jungvolks – zelten, marschieren, Fanfaren blasen und auf altertümlichen Trommeln herumhauen – ziemlich langweilig fänden. Andere gaben an, daß ihre Eltern ihnen noch nicht erlaubt hätten beizutreten, woraufhin Herr Schürmann sagte, ihre Eltern sollten zu einem persönlichen Gespräch mit ihm in die Schule kommen. Als ich an die Reihe kam, öffnete ich den Mund, um etwas zu sagen, doch Herr Schürmann schnitt mir das Wort ab: „Schon gut; du bist ja sowieso vom Jungvolk ausgeschlossen.“ Ich war wie vom Donner gerührt. Ausgeschlossen? Wieso? Ich hatte ihm sagen wollen, daß ich mich noch nicht endgültig entschieden hatte. Und jetzt erfuhr ich, daß ich, selbst wenn ich wollte, nicht beitreten durfte. Herr Schürmann bemerkte meine Verwirrung und sagte mir, ich solle in der Pause zu ihm kommen.

Bis zum Pausenklingeln war ich in einer Art Schockzustand und außerstande, dem Unterricht zu folgen. Ich fühlte mich von meinen Freunden im Stich gelassen, und die Vorstellung, irgendwann der einzige in der Klasse zu sein, der nicht im Jungvolk war, jagte mir Angst ein. Mit meinen zehn Jahren konnte ich es nicht ertragen, nicht dazuzugehören und wie ein Ausgestoßener behandelt zu werden.

Schürmann forderte mich auf, neben seinem Pult Platz zu nehmen. „Ich dachte, du wüßtest, daß du nicht ins Jungvolk darfst, weil du Nicht-Arier bist“, fing er an. „Du weißt doch, daß dein Vater Afrikaner ist und daß Afrikaner und andere nichteuropäische Menschen als Nicht-Arier gelten. Nicht-Ariern ist es untersagt, der Hitlerjugend beizutreten.“ –„Aber ich bin doch Deutscher“, schluchzte ich unter Tränen. „Meine Mutter sagt, daß ich Deutscher bin, so wie alle anderen.“

„Du bist ein deutscher Junge», räumte Herr Schürmann mitfühlend ein, «aber leider nicht wie alle anderen. Es tut mir leid, mein Junge, ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber das geht leider nicht. Die Gesetze sind nun mal so.“

[]

Zwei Tage später war der Moment gekommen, vor dem es mir die ganze Zeit gegraut hatte. Mit an Verzückung grenzender Freude trug Herr Schürmann die letzten zwei Namen in die Graphik ein. Dann wischte er mit einem feuchten Schwamm das letzte leere Quadrat, jenes Quadrat, das mich symbolisierte, von der Tafel und machte so meinen Status als Unperson überdeutlich. „Herzlichen Glückwunsch, Kinder!“ verkündete Herr Schürmann. „Von heute an sind alle Jungen unserer Klasse Mitglieder in der HJ. Ich bin stolz auf euch, und ich finde, wir sollten dem Schulleiter die frohe Kunde bringen.“ Daraufhin verließ er den Klassenraum und kehrte kurz darauf mit Wriede zurück.

[]

Die Morells

Obwohl jetzt alle meine Klassenkameraden in der HJ waren, gingen wir weiterhin ganz normal miteinander um. Wir spielten zusammen und besuchten uns gegenseitig zu Hause, als wäre nichts geschehen. Nur wenige von ihnen waren wirklich überzeugte Nazis. Manche waren lediglich in die Hitlerjugend gegangen, um endlich von Schürmann und Wriede in Ruhe gelassen zu werden. Andere waren von ihren Vätern unter Druck gesetzt worden, die berufliche Nachteile befürchteten, wenn ihre Söhne nicht in der HJ waren. Die übrigen waren bloß auf den fahrenden Zug aufgesprungen, um dazuzugehören, ein Wunsch, den ich nur allzugut nachfühlen konnte.

Was die Leute in unserer Nachbarschaft anbelangt, so vermute ich, daß die überwiegende Mehrheit von ihnen nicht aus ideologischen Gründen für die Nazis waren. Den meisten ging es besser, als sie es sich je hätten träumen lassen; sie hatten eine feste Arbeit, kostenlose Gesundheitsversorgung und viele andere noch nie dagewesene Vorteile. Sie waren der Überzeugung, daß eine Partei, die ihr Wahlversprechen gehalten und die Arbeitslosigkeit – die Geißel der Arbeiterklasse – beseitigt hatte, ihre Unterstützung verdiente. Die Vergünstigungen, die ihnen unter den Nazis zuteil wurden, machten sie jedoch blind und taub für das Leid zahlloser Mitbürger, die nicht in die NS-Ideologie paßten.

[]

Typisch für die Männer aus unserem Viertel, denen die NSDAP einen völlig neuen Lebensstil und eine neue Identität beschert hatte, war Wilhelm Morell, ein einfacher, glatzköpfiger Schlosser, der seine recht füllige Gattin und seine drei Söhne, meinen Freund Karl, Hans und Gerd, über alles liebte.

Vor meinen Augen durchlief Herr Morell eine erstaunliche Metamorphose, die in gewisser Weise erklärt, warum der Durchschnittsdeutsche sich für die NSDAP so begeisterte. Innerhalb weniger Monate nach seinem Eintritt in die Partei verwandelte Herr Morell sich von Grund auf. Aus dem langweiligen, stillen und bescheidenen Malocher wurde ein schneidig uniformierter Kleinstwürdenträger, der entschlossen durch die Nachbarschaft stolzierte und dienstbeflissen seinen neuen Pflichten als Blockwart nachging.

[]

Es war Morells Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß wir an Feiertagen keine Hakenkreuzfahne aus dem Fenster hängten, wie es ein ungeschriebenes Gesetz verlangte. Als er meine Mutter nach dem Grund dafür fragte, erklärte sie, daß wir es uns ein­fach nicht leisten könnten, eine Fahne zu kaufen, was allerdings nur die halbe Wahrheit war. Gleich am nächsten Tag überreichte er uns stolz als Geschenk seiner Ortsgruppe eine nagelneue Fahne, komplett mit Fahnenstange, für die er sogar persönlich vor einem unserer Fenster die Halterung anbrachte. Da meine Mutter sich nun nicht mehr herausreden konnte, hängte sie, um Scherereien zu vermeiden, an Feiertagen fortan wohl oder übel die Hakenkreuzfahne auf.

Herr Dutke

Es ist schwer zu sagen, wer von den zwei bigottesten und fanatischsten meiner Lehrer der schlimmere war, Herr Wriede oder Herr Dutke mit seiner Hornbrille. Letzterer trug stets stolz seine NS-Uniform zur Schau, wenn er seinen Volkskundeunterricht gab, den er meist nutzte, um seiner Feindseligkeit gegenüber Nicht-Ariern Luft zu machen. „Laß dieses negerhafte Grinsen“, fauchte er mich einmal an, als ich mit der ganzen Klasse über irgend etwas lachen mußte. „Neger haben im nationalsozialistischen Deutschland keinen Grund zu grinsen.“ Um diese Haltung zu untermauern, holte er häufig Schüler nach vorn, die er für typisch arisch hielt. Sie mußten sich vor der Klasse aufstellen, und Dutke wies dann auf ihr blondes Haar, die blauen Augen, den „edel geformten Schädel“ und andere „wünschenswerte»“ körperliche Merkmale hin.

Als ein Schüler einmal Dutkes Behauptung, daß Menschen „nichtarischen Blutes“ intellektuell und körperlich minderwertig seien, mit dem Hinweis auf meine schulischen und sportlichen Fähigkeiten in Frage stellte, kanzelte Dutke diesen Schüler ab, weil er es gewagt hatte, ihm zu widersprechen. Dann erklärte er der Klasse, daß ich nur die Ausnahme sei, die die Regel bestätige, und behauptete, daß ich sämtliche „normalen Merkmale“ von meinem arischen Elternteil geerbt habe. Schließlich spekulierte er, daß das letzte Wort ja noch nicht gesprochen sei und die Möglichkeit bestehe, daß mein minderwertiges Blut irgendwie doch noch die Oberhand gewinnen könnte. „Es gibt viele Arten der rassischen Minderwertigkeit“, argumentierte er. „Ich würde mich nicht wundern, wenn euer Klassenkamerad eines Tages zum asozialen Subjekt wird, beispielsweise ein Krimineller oder Alkoholiker.“

Anschließend wies Dutke mich an, nach dem Ende der Stunde den Raum nicht zu verlassen. „Was ich dir zu sagen habe, dauert nicht lange“, knurrte er, nachdem alle anderen Schüler fort waren. Er musterte mich verächtlich durch seine dicke Hornbrille und warf mir vor, die Klasse gegen ihn aufbringen zu wollen und ihm gegenüber mit meinem dauernden „negerhaften Grinsen“ ein respektloses Verhalten an den Tag zu legen. „Eins kann ich dir sagen, junger Mann. Dir wird das Lachen noch vergehen. Wenn wir mit den Juden fertig sind, bist du und deinesgleichen nämlich als nächstes dran. Heil Hitler.“

[]

Joe und Jesse, meine neuen Helden

Im Sommer 1936 erlebte mein so oft malträtiertes Selbstwertgefühl einen enormen Aufschwung. Der Grund dafür waren zwei junge schwarze amerikanische Sportler, der Profiboxer Joe Louis und der Amateurleichtathlet Jesse Owens. Die beiden übten einen großen und nachhaltigen Einfluß auf mein Leben aus, weil sie mich in dieser widrigen Zeit mit echtem Stolz auf mein afrikanisches Erbe erfüllten.

Im Frühjahr 1936 wurde bekannt, daß ein schwarzer Ameri­kaner gegen Max Schmeling antreten würde. Joe Louis, so erfuhren wir, war eine zweiundzwanzigjährige Kampfmaschine von den Baumwollfeldern in Alabama und aus den Autofabriken Detroits, dessen ununterbrochene Serie von k.-o.-Siegen ihm den Spitznamen „der braune Bomber“ eingebracht und ihn zum Topanwärter auf den Weltmeistertitel gemacht hatte, der damals von James J. Braddock gehalten wurde.

Als wir Kinder von dem bevorstehenden Ereignis hörten, ruhten wieder einmal alle Augen auf mir. Getreu dem Motto „Alle Schwarzen sehen gleich aus“ beteuerten viele von meinen Freunden: „Du siehst genauso aus wie Joe Louis.“ Ungeachtet der mindestens siebzig Kilo Unterschied zwischen dem Boxer und mir waren sich alle einig, daß ich dem „braunen Bomber“ wie aus dem Gesicht geschnitten sei.

Je mehr die deutsche Presse die phänomenale Schlagkraft des „braunen Bombers“ herausstellte, desto höher stieg mein Ansehen unter meinen Freunden. Ich erzählte niemandem, daß ich wie jeder echte Hamburger Junge eigentlich ein begeisterter Schmeling-Fan war, und da ich von meinen Schulkameraden als der Doppelgänger des „braunen Bombers“ gefeiert wurde, mußte ich meinen Patriotismus hintanstellen und meinen schwarzen Bruder aus Amerika unterstützen. Leicht fiel mir das nicht, denn meine Treue zu Schmeling war so unerschütterlich, wie das bei einem Zehnjährigen überhaupt möglich ist. Dann geschah etwas, das mir die Entscheidung einfach machte. In einem Zeitungsinterview, das Schmeling vor dem Kampf gab, las ich ein angebliches Zitat meines Helden: Er versprach, „den Negerboxer von einem ‚braunen Bomber‘ in einen grünen und blauen Bomber zu verwandeln“.

Diese rassistische Bemerkung traf mich bis ins Mark. Ich fühlte mich von dem Mann verraten, der mein Idol gewesen war, und beschloß, daß ich von nun an Joe Louis die Treue halten würde.

Am 19. Juni 1936, dem Tag des Kampfes, sprachen die Männer und Jungen in meinem Viertel über nichts anderes mehr. Die meisten drückten zwar Schmeling die Daumen, doch viele bezweifelten ernsthaft, daß ihr Mann gegen die beängstigende Schlagkraft des Amerikaners eine Chance haben würde. Die Jungen, auch die älteren, betrachteten mich als Autorität in Sachen Joe Louis, und ich malte ihnen lebhaft aus, wie Joe kurzen Prozeß mit Maxens Ambitionen auf den Titel machen würde. Ich hatte alles über Joe Louis, dessen ich habhaft werden konnte, auswendig gelernt und konnte alle interessanten Fakten über meinen Helden nur so herunterrasseln. Während mein Publikum ehrfürchtig lauschte, sonnte ich mich in meinem neuen Status als Respektsperson. Ich genoß das Gefühl, daß diese Menschen, die sich normalerweise Schwarzen überlegen fühlten, einem Schwarzen soviel Achtung entgegenbrachten und daß ein Teil dieser Achtung auf mich abfärbte.

Der Kampf sollte um 21 Uhr in New York stattfinden, also um drei Uhr morgens unserer Zeit. Ich bat meine Mutter, den Wecker sicherheitshalber schon auf zwei Uhr nachts zu stellen, damit ich auch ja nichts von der Radioübertragung des Kampfes verpassen würde. Punkt zwei Uhr wurde ich durch das schrille Klingeln geweckt. [] Drei Runden lang schien der „braune Bomber“ auf der Siegerstraße zu sein, doch dann passierte in Runde vier das Unerwartete, nein, das Unmögliche. Zwei knallharte Rechte meines Landsmannes schickten Joe Louis auf die Bretter. Er wurde bis vier angezählt. []

Bis dahin hatte ich nicht im Traum daran gedacht, daß Joe Louis verlieren könnte. []

In der zwölften Runde dann beendete Schmeling den Kampf mit einer wuchtigen Rechten auf Louis’ Kinn, die ihn zu Boden streckte. Er blieb liegen und wurde ausgezählt. Der Mann, den ich für unbesiegbar gehalten hatte, der mir unter meinen Mitschülern Ansehen und Respekt verschafft hatte, war besiegt.

[]

Der Kampf Louis gegen Schmeling war noch immer in aller Munde, als auch schon ein anderes Sportereignis in die Schlagzeilen rückte: die bevorstehende Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin. Bereits Wochen vorher berichtete die Presse, daß die Vereinigten Staaten mit einer Mannschaft antraten, in der eine beachtliche Anzahl von schwarzen Sportlern waren.

[]

Wenige Tage vor der Eröffnungsfeier brachte Karl Morell mir sensationelle Neuigkeiten: Sein Vater wollte mit ihm, seinem älteren Bruder Hans und einigen Jungs aus der Nachbarschaft für eine Woche nach Berlin fahren, und falls meine Mutter einverstanden war – und die Zugfahrkarte und ein paar Mark Taschengeld aufbringen konnte –, war ich herzlich eingeladen, mitzukommen. []

Wir waren zirka zehn Jungen, und bevor wir am Morgen unserer Abfahrt, schwer bepackt mit Tornister und Feldflaschen, in den D-Zug nach Berlin stiegen, instruierte Herr Morell uns erst einmal in knappem militärischen Ton, was wir auf unserer Reise tun durften und was nicht.

[]

Als wir spätabends in Berlin ankamen, waren wir heiser vom vielen Singen und todmüde. []

Herr Morell erinnerte uns noch daran, daß wir die gleiche Berliner Luft atmeten wie unser geliebter Führer, und schon allein bei dem Gedanken bekam ich eine Gänsehaut, die ich noch bis zum Einschlafen spürte.

Anders als bei Joe Louis und Max Schmeling war es für mich nun keine Frage mehr, ob ich zu den schwarzen Olympiakämpfern oder zu den Athleten meines Heimatlandes hielt. Von Anfang an war mir klar, daß die Siege der schwarzen Sportler meine Siege und ihre Niederlagen auch meine Niederlagen waren. Es gab viele erfolgreiche Sportler unter ihnen, aber keiner wurde mit so vielen Lobeshymnen überschüttet wie mein neuer Held: Jesse Owens. Er kam wie Joe Louis aus Alabama und war die größte Medaillenhoffnung der USA in der Leichtathletik. Seine Leistungen übertrafen dann jedoch die kühnsten Träume seiner frischgebackenen deutschen Fans. Nach vier anstrengenden Tagen, an denen er vierzehnmal in den Vorkämpfen antreten mußte, gewann Owens die Goldmedaille im Hundert- und im Zweihundertmeterlauf, führte seine Vier-mal-hundert-Meter-Staffel zum Sieg und stellte noch dazu einen olympischen Rekord im Weitsprung auf.

[]

Noch Wochen nach unserer Rückkehr verging kaum ein Tag, an dem ich nicht von den grandiosen Taten der olympischen Helden schwärmte. Jesse Owens war so bekannt geworden, daß einige meiner Spielkameraden anfingen, mich Jesse zu nennen, so, wie sie mich vor nicht allzu langer Zeit Joe genannt hatten. Und wieder faßte ich das als Kompliment auf, was es auch sein sollte.

Quelle: Hans J. Massaquoi, Neger, Neger, Schornsteinfeger! © 1999 by Hans J. Massaquoi. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. © Scherz Verlag, Bern für den Fretz & Wasmuth Verlag 1999. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. [S. 15–19, 107–11, 112–15, 116–21].

Robbie Aitken und Eve Rosenhaft, Black Germany: The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884–1960. Cambridge: Cambridge University Press, 2015.

Katharina Oguntoye, Eine afro-deutsche Geschichte: Zur Lebenssituation von Afrikanern und Afro-Deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950. Berlin: Hoho Verlag Christine Hoffmann, 1997.

Hans J. Massaquoi, „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ Meine Kindheit in Deutschland (1999), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/deutschsein/ghis:document-235> [27.09.2022].