Georg Christoph Fernberger im Heiligen Land (1592)

Kurzbeschreibung

Der aus Vorchdorf in Oberösterreich stammende Sekretär des kaiserlichen Gesandten in Konstantinopel Georg Christoph Fernberger (1557-1593) unternahm zwischen 1588 und 1593 mehrere ausgedehnte Reisen in den Vorderen und Mittleren Orient. Er führte dabei ein Reisejournal auf Latein, das er später in Reinschrift übertrug. Sehr aufschlussreich ist darin die Schilderung seines Besuchs in Jerusalem: Die religiös-konfessionelle Pluralität dieser Stadt wird darin ebenso vor Augen geführt, wie das System der Verwaltung der heiligen Stätten. Jeder Religionsgemeinschaft kommt dabei die Verwaltung jeweils anderer Lokalitäten zu, die für alle anderen ebenfalls mit Bedeutung versehen sind. Ein komplexer Schlüssel legt dabei für die Pilger fest, wer wie viel zu bezahlen hat um Zutritt zu den Heiligen Stätten zu bekommen.

Quelle

Die Kirche des heiligen Grabes liegt vom Kloster des heiligen Erlösers etwa 500 Schritte entfernt im östlichen Teil der Stadt, den die Türken das ganze Jahr über abriegeln und ausschließlich für Pilger und den Austausch der Mönche öfnnen. In Jerusalem gibt es zehn verschiedene christliche Religionsgemeinschaften, nämlich römische Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Armenier, Abessinier, Äthiopier aus dem Reich des Priesters Johannes, Georgianer, Kopten bzw. Gürtelchristen aus Ägypten, Syrer, Maroniten, Jakobiten und Nestorianer. Von diesen leben hier auch noch zwei Patriarchen, nämlich der der Griechen und der der Armenier. Von jeder dieser christlichen Religionsgemeinschaften sind jeweils ein bis zwei Mönche in der Kirche des heiligen Grabes eingeschlossen, um die Lampen mit Öl zu versorgen und andere Dienste auszuführen. Diese werden alle drei oder sechs Monate ausgewechselt. Ihre Verpflegung bekommen sie einmal pro Woche durch eine Luke im Portal hineingereicht. Kommen Pilger an, so erbittet der Guardian, nachdem eine Gabe von Kerzen, Wachs und Zucker dargebracht wurde, vom Vorsteher die Öffnung der Kirche, der seine Männer mit den Beamten des Schatzmeisters schickt, denen alle Pilger aus der Fremde vor dem Eintritt in die Kirche neun Golddukaten als Kopfsteuer bezahlen müssen. Die allerdings, die sich unter der Herrschaft der Türken befinden, wie Griechen, Armenier und alle übrigen, zahlen die Hälfte. Nachdem man von mir also neun Zechinen empfangen hatte und ich meinen und den Namen meines Vaters eingeschrieben hatte, öffnete sich am 8. Februar, dem Samstag vor Aschermittwoch, die Kirche. Doch um die Reihenfolge einzuhalten, in der die Besichtigung der heiligen Stätten erfolgt, muß man zunächst wissen, daß sich rechts vor dem Portal der Kirche eine Treppe mit zwölf Stufen befindet, die zum Kalvarienberg führt. Das Tor dazu ist rechts mit einer Mauer verbaut, und hier gibt es vollkommenen Ablaß. Das Kirchenportal an der Süd-Seite hat zwei Eingänge. Der Mittelteil bleibt immer verschlossen und wird niemals geöffnet. Betritt man den Kirchenraum, stößt man zuerst auf die Kapelle der heiligen Maria, welche die Franziskaner über haben. Jede christliche Gemeinschaft hat nämlich in dieser Kirche ihren eigenen Platz. In dieser Kapelle sind drei Altäre, von denen der Hauptaltar darstellt, wie Christus nach der Auferstehung seiner Mutter erschien. Der Altar rechts schließt ein Holzkreuz ein, in dessen Mitte sich ein Splitter des echten heiligen Kreuzes befindet. Der Altar links birgt ein Drittel jener Säule, an der Christus im Palast des Pilatus gegeißelt wurde. Das Stück ist ungefähr zwei Handbreit hoch. Der zweite Teil dieser Säule befindet sich im Patriarchat von Konstantinopel, der dritte ist in Rom zu besichtigen. Im selben Altar ist auch ein Teil der Säule der Verspottung und ebenfalls ein Stück vom eigentlichen Heiligen Grab eingeschlossen. An diesen beiden Altären gibt es vollkommenen Ablaß, am dritten Altar, dem der heiligen Maria, nur septenarischen oder für sieben Quaranten. Und in dieser Kapelle beginnt bei jeder Vesper eine feierliche Prozession zum Besuch folgender Stätten: Wenn man die Kapelle verläßt, kommt man zuerst links zu dem Ort, der „Kerker Christi“ genannt wird, wo Jesus, während das Loch vorbereitet wurde, von den Schergen festgehalten wurde. Dieser Ort gehört den Griechen, und dort erhält man septenarischen Ablaß. Als zweites kommt man zur Kapelle der Verteilung der Kleider, wie es in der Schrift heißt: „Und sie verteilten meine Kleider unter einander und würfelten um meinen Mantel.“ Auch hier wird septenarischer Ablaß erteilt, und diese Stätte gehört den Armeniern. Drittens steigt man über 36 Stufen, die teils aus dem natürlichen Felsen gehauen, teils gemauert sind, bis zu der Stelle hinab, wo das heilige Kreuz von der heiligen Helena, der Mutter Konstantins des Großen, gefunden wurde. Diese Stelle, die den Minoriten gehört, liegt am Fuß des Kalvarienberges, und hier wird vollkommener Ablaß erteilt. Als vierte Station steigt man von dort wiederum über zwanzig Stufen zur Kapelle der heiligen Helena, die diese Kirche bauen ließ, hinauf und sieht dort einen aus dem Fels gehauenen Sitz, auf dem die heilige Helena saß, die beim Bau der Kirche ständig anwesend war. Hier wird septenarischer Ablaß erteilt Die Stätte gehört den Armeniern. An der fünften Station steigt man über die verbleibenden Stufen wieder zum Niveau der Kirche hinauf und gelangt links zu einer Stelle, wo sich in einer Kapelle ein Altar befindet, unter dem sich ein großes Stück der Säule der Verspottung findet, an der Christus die Dornenkrone aufgesetzt wurde. Hier herrscht vollkommener Ablaß und dieser Bereich direkt am Fuß des Kalvarienberges gehört den Abessiniern. An sechster Stelle steigt man über eine Treppe mit 15 Stufen zum Kalvarienberg hinauf, wo sogar das Loch zu sehen ist, in dem das allerheiligste Kreuz aufgestellt wurde, an dem sich unsere Erlösung vollzog. Und ein wenig zur Rechten sieht man in einem ziemlich großen Felsen den Spalt, von dem auch die Schrift spricht: „Und die Felsen spalteten sich“ zwischen dem Kreuz Christi und dem Räuber links von ihm. Hier wird vollkommener Ablaß gewährt, und die Stelle gehört den Gregorianern. Die siebte Station ist eine Kapelle direkt am Berg auf der rechten Seite, wo Christus unser Erlöser am Boden ausgestreckt und an das Kreuz geschlagen wurde für das heil der Welt. An dieser Stelle gibt es vollkommenen Ablaß, und die Stätte gehört den Franziskanern. Achtens stiegen wir vom Berg zum Stein der Salbung hinunter, wo unser Erlöser nach der Abnahme vom Kreuz in die Arme seiner trauernden Mutter gelegt und über diesem Stein mit kostbaren Ölen gesalbt worden war. Hier gibt es vollkommenen Ablaß und die Stelle gehört den Franziskanern. Dieser Stein liegt genau gegenüber dem Kirchenportal. Neuntens geht man zum heiligen Grab, in das der Leichnam unseres Herrn Jesus Christus gelegt worden war und wo er am dritten Tage glorreich auferstanden ist. Hier wird der allervollkommenste Ablaß erteilt, die Stelle gehört den Franziskanern. Es ist bemerkenswert, daß kein Priester irgendeiner Gemeinschaft am heiligen Grab oder am Kalvarienberg eine Messe lesen darf ohne die Zustimmung des Guardians der Franziskaner-Observanten. An zehnter Stelle werden zwei runde Felsen nicht weit vom heiligen Grab besucht, wo Christus Maria Magdalena in Gestalt eines Gärtners erschein und sprach: „Frau, was weinst du?“ Hier wird septenarischer Ablaß erteilt, und dieser Bereich gehört den Armeniern. Am Ende der Prozession betraten wir unsere Kapelle. An jeder einzelnen Station werden Gebete und Lobgesänge gesprochen.

Quelle: Roland Burger und Robert Wallisch, Hrsg., Reisetagebuch (1588-1593): Sinai, Babylon, Indien, Heiliges Land, Osteuropa, Lateinisch-Deutsch. Frankfurt am Main: P. Lang, 1999, S. 238-42.

Georg Christoph Fernberger im Heiligen Land (1592), veröffentlicht in: German History Intersections, <https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-43> [27.09.2022].